Weltraum als Ort für Innovation und Fortschritt (Teil 2)

Published on May 14, 2024

Sie ist hunderteinundzwanzig Meter hoch, hat einen Durchmesser von neun Metern, wiegt 5000 Tonnen und verfügt über dreiunddreissig Raptor-Triebwerke. Die Rede ist von der Starship-Rakete von SpaceX. Es ist die grösste und schwerste Rakete, die je gebaut wurde. Im Juni soll der Starship-Prototyp zum vierten Mal getestet werden. Auch wenn bei den bisherigen Testflügen nicht alle gesteckten Ziele erreicht worden sind, sind zentrale Meilensteine erreicht worden.

SpaceX Philosophie: Fliegen – scheitern – verbessern 
Anders als die staatlichen Raumfahrtagenturen NASA und ESA arbeitet Elon Musk’s SpaceX bei der Entwicklung von Raketen nicht mit einem linearen Phasenmodell. SpaceX setzt vielmehr auf das innovative iterative Prototyping: Schon früh in der Entwicklung werden Prototypen gebaut und geflogen. Anschliessend werden Fehler analysiert und beim Bau des nächsten Prototyps entsprechende Anpassungen vorgenommen. Da SpaceX bei jedem Start Unmengen von Sensordaten aufzeichnet und auswertet, ist die Lernkurve steil: Nach dem ersten Testflug sind noch dreiundsechzig Korrekturmassnahmen nötig gewesen, nach dem zweiten noch siebzehn.

Der Entwicklungsansatz von SpaceX wird in den USA verstanden – entsprechend gross ist der Jubel in den amerikanischen Medien über den dritten Testflug gewesen. Ganz anders im deutschsprachigen Raum: Schlagzeilen wie z.B. jene von SRF («Dritter Starship-Test von SpaceX scheitert ebenfalls») oder der NZZ («nach einer halben Umrundung der Erde: Obwohl SpaceX aus Fehlern gelernt hat, verglüht das Starship vermutlich in der Atmosphäre») zeigen, dass die Entwicklungsphilosophie von SpaceX bei uns noch nicht angekommen ist. 

Kickstarter für kommerzielle Weltraumnutzung 
Wenig bekannt scheint auch die Bedeutung des zukünftigen Starship-Raketensystems zu sein. Mit der vollständig wiederverwendbaren Starship werden sich hundertfünfzig Tonnen Fracht befördern lassen. Ein Quantensprung! Und mit dieser Transportkapazität lassen sich Raumstationen in Serie in den Erdorbit befördern, und zwar zu etwa zwanzigmal kleineren Kosten als bisher. Dadurch wird der Erdorbit auch kleineren Firmen und Nationen offenstehen.  

Die Starship entpuppt sich damit als Booster für die Weltraumwirtschaft und macht den Weltraum zum kommerziellen Produktions- und Entwicklungsort. Fachleute sprechen bereits von einer neuen industriellen Revolution. Denn Schwerelosigkeit lässt sich als Werkzeug für innovative Fertigungsverfahren einsetzen, die auf der Erde nicht möglich sind.

Innovationsschub für Wirtschaft und Industrie
Heute sind es staatliche Raumfahrtagenturen, die bestimmen, was auf der Internationalen Raumstation ISS geschieht. Der Zugang ist an langwierige, kompetitive Verfahren gekoppelt und damit wenig wirtschaftsfreundlich. 

Hier wird die Starship zum echten Gamechanger: Dank ihr werden die Kosten, ein Kilogramm Fracht in den Weltraum zu bringen, von heute rund dreitausend auf unter zweihundert Dollar sinken. Dies ermöglicht den Bau von kommerziellen Raumstationen wie z.B. die Starlab Space Station oder die Orbital Reef Space Station. Zahlende Kunden aus Industrie und Forschung erhalten dort einfach und schnell Zugang zu Weltraumlaboren und Werkstätten. Dies wird weltweit einen Innovationsschub auslösen. Von den Möglichkeiten des Starship-Raketensystem soll – wenn es nach Oliver Ullrich, Direktor des am Innovationspark angesiedelten Space Hubs der Universität Zürich geht – in Zukunft auch die Greater Zurich Area und ihre Wirtschaft und Industrie profitieren.  


Text: Dr. phil. Calista Fischer, UZH Space Hub
Titelbild: Dritter Test des Starship-Prototyps vom Donnerstag, 14. März. 2:49 Minuten nach Start hat die Rakete bereits eine Geschwindigkeit von 5669 Kilometer pro Stunde. (Bild: SpaceX).

Dieser Beitrag ist Teil der Serie zum UZH Space Hub. Weitere Artikel aus der Serie: 
Forschungsflüge in die Schwerelosigkeit
Weltraum als Ort für Innovation und Fortschritt (Teil 1)