
Das Gipfeltreffen der Literaturstars: Charles Lewinsky und Nelio Biedermann
Der eine prägt die deutschsprachige Literatur seit Jahrzehnten, der andere zählt zu ihren aufregendsten neuen Stimmen. Charles Lewinsky und Nelio Biedermann im Gespräch mit dem Migros Magazin. Für die UZH-Alumni-Community ist dieses Gespräch besonders spannend: Beide Autoren haben an der Universität Zürich studiert.
Sie sind beide als Schriftsteller erfolgreich und in Zürich zu Hause. Wie gut kennen Sie sich?
Charles Lewinsky: Wir haben denselben Agenten. Gilt das schon als Verwandtschaft?
Nelio Biedermann: Quasi! Persönlich begegnet sind wir uns aber nie.
Sie kommen gerade aus Paris, Nelio Biedermann. Was haben Sie dort gemacht?
NB: Vor allem Interviews gegeben, weil mein Roman «Lázár» im August auf Französisch erscheint. Ansonsten bin ich seit knapp einem Jahr auf Lesereise, erst in der Schweiz und Deutschland, dann in den USA, zuletzt in Österreich. Das geht bis Januar so weiter.
Geben Sie gern Lesungen?
NB: Ja, an sich schon, wenn es nicht zu viele Termine sind. Am liebsten lese ich auf Festivals mit anderen Autorinnen und Autoren. Dann muss ich später nicht allein durch eine fremde Stadt tingeln.
CL: Ehrlich gesagt: Ich schreibe lieber, als aus meinen Büchern vorzulesen. Jede Lesung kostet mich zwei Arbeitstage, das ist ein hoher Preis für 50 Leute im Publikum. Hören sie aber wirklich zu, ist es schön. Wenn ich dir einen Tipp geben darf, Nelio: Publikumsfragen nur in der Mitte einer Lesung zulassen. Dann kann man sie schneller abklemmen.
Was war Ihr skurrilstes Erlebnis an einer Lesung?
CL: In Lübeck stand einmal eine Frau auf und sagte: «Ich wollte Ihnen nur mitteilen, Ihr Buch ist scheisse.» Hinterher entschuldigte sich der Buchhändler bei mir: «Ich hätte Sie warnen sollen, das macht sie jedes Mal. Sie schreibt halt auch.»
NB: So etwas Krasses ist mir noch nicht passiert. Es kam aber schon mal vor, dass mir jemand offen gesagt hat, er hätte Probleme mit meinem Buch gehabt – ohne dann zu sagen, was für welche.
Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?
NB: Man entwickelt irgendwann eine gewisse Gelassenheit.
CL: Ausserdem sind wir beide in der glücklichen Lage, keine Lesungen aus finanziellen Gründen machen zu müssen, gerade nach so einem Erfolg wie «Lázár». Viele Autoren leben vom Geld, das sie für solche Veranstaltungen erhalten.
«Es gibt diese Fälle, wo Leute ein Leben lang dem ersten Erfolg nachlaufen und daran kaputtgehen.»
Charles Lewinsky
Beneiden Sie Nelio Biedermann um seinen frühen Bestsellererfolg?
CL: Nein, im Gegenteil. Es war ein Vorteil, dass mein Durchbruch als Schriftsteller so spät kam. Ich war 60 und Grossvater, als sich mein Roman «Melnitz» zum Bestseller entwickelte. In dem Alter ist man gefestigt genug, um sich davon nicht aus der Bahn werfen zu lassen.
Machen Sie sich Sorgen um den jungen Kollegen?
CL: Nein, nein, ein gemeinsamer Freund hat mir versichert: Den Nelio haut nichts um. Aber es gibt diese Fälle, wo Leute ein Leben lang dem ersten Erfolg nachlaufen und daran kaputtgehen.
Wie schreibt man einen Bestseller?
NB: Ein solcher Erfolg ist nur möglich, wenn viele Dinge zusammenkommen. Da reicht es nicht, ein gutes Buch zu schreiben, man braucht auch einen guten Verlag, das Buch muss wahrgenommen werden, man muss den richtigen Zeitpunkt erwischen – und natürlich braucht man Glück.
Wann ahnten Sie, dass Ihnen mit «Lázár» so ein Knaller gelungen ist?
NB: Das hat eine Weile gedauert. Selbst dann, als wir die Rechte vorab in 20 Länder verkaufen konnten, dachte ich noch: Schön und gut, aber das heisst nicht unbedingt, dass die Leute das Buch auch lesen werden. Ein Schlüsselmoment war sicher das erste Porträt in der «Zeit». Ich habe die Zeitung in Zürich am Kiosk gekauft und den Artikel mit dem riesigen Foto von mir im Tram gelesen. Das war alles sehr surreal.
Wie haben Sie Ihr Handwerk gelernt?
NB: Zuerst durch Nachahmung. Mit 16 fing ich an, kurze Geschichten im Stil meiner Lieblingsautoren zu schreiben. Irgendwann, so nach zwei, drei Jahren, habe ich langsam meine eigene Stimme gefunden. Wichtig ist, jeden Tag dranzubleiben.
CL: Meine härteste Schreibschule begann, als ich vom Fernsehen wegging und freier Autor wurde. Damals musste ich schreiben, was die Zeitschriften bei mir bestellten. Zum Beispiel ganzseitige Kriminalgeschichten: acht Seiten auf der Schreibmaschine, doppelzeilig. Ich habe jeden Tag so eine Geschichte geschrieben, oft in einem anderen Stil. Davon habe ich zwei Jahre gelebt – und viel gelernt.
Wie schreiben Sie am liebsten?
CL: Immer am selben Ort, zur selben Zeit. Ich beginne um Punkt 9 Uhr und arbeite bis 12.30 Uhr. Dann koche und esse ich, lege mich für eine halbe Stunde hin, trinke einen Kaffee und beginne um Punkt 14 Uhr wieder mit Schreiben. So läuft das sieben Tage die Woche, ganz spiessig.
Und Ihre Routine, Herr Biedermann?
NB: Ich schreibe täglich, aber nicht zu fixen Zeiten. Es kommt darauf an, wann ich gerade Zeit habe, ob am Abend oder am Morgen. Diese Flexibilität ist aktuell sehr nützlich, weil ich viel auf Reisen bin.
Belohnen Sie sich beim Schreiben?
CL: Wenn ich im Schreibfluss bin, ist es so geil, dann brauche ich keine Belohnung.
NB: Im besten Fall will ich gar nicht aufhören, um mir eine Belohnung zu holen.
CL: Sollen wir unser schmutziges Geheimnis verraten?
Ich bitte darum…
CL: Schreiben macht uns Spass!
Viele Autoren behaupten, sie leiden.
NB: Das schliesst sich nicht aus. Schreiben kann anstrengend sein – wie Sport auch. Ausserdem ist es unglaublich bereichernd.
CL: Es ist wie beim Bergsteigen: Wer nach oben will, muss den Muskelkater in Kauf nehmen.
Sie haben beide historische Romane vorgelegt. Ist es einfacher, über die Vergangenheit zu schreiben?
NB: Ich denke schon. Die Vergangenheit hat den Vorteil, dass sie abgeschlossen ist. Die grossen Linien stehen fest, und man muss weniger befürchten, dass sich der Blick darauf schlagartig verschiebt. Das gibt eine gewisse Sicherheit.
CL: Bei mir ist das auch eine Altersfrage: Ich habe schlicht keine Ahnung, wie die jungen Leute heute reden. Wenn ich über die Vergangenheit schreibe, kann ich mir eine Sprache ausdenken, solange sie glaubwürdig tönt.
Wie viel literarische Freiheit gegenüber der Vergangenheit ist erlaubt?
CL: Es gibt harte Grenzen. Das habe ich bei meinem Roman «Gerron» gemerkt, der von einem jüdischen Schauspieler während der Nazizeit handelt. Über das Ghetto Theresienstadt konnte ich gerade noch schreiben, auch wenn es wehtat. Über Auschwitz hätte ich nicht schreiben können, unmöglich.
Ging es Ihnen ähnlich, Nelio Biedermann?
NB: Ja, ich fühlte mich verantwortlich gegenüber der Geschichte und den Menschen. Gerade in den schwierigen Kapiteln, etwa über die Deportation der ungarischen Juden, habe ich deshalb besonders auf den Ton geachtet und mit Auslassungen gearbeitet.
CL: Wir kriechen in unsere Figuren hinein. Meine Frau war einmal sehr irritiert, als sie sah, wie ich mir beim Schreiben immer wieder mit dem Oberarm übers Gesicht fuhr, einmal links, einmal rechts. Dabei wollte ich nur den Satz nachvollziehen: «Chanele schmiegt den Arm an ihren Kopf.»
NB: Solche Bewegungen mache ich auch. Ich stelle mir vor, wie eine Figur steht oder welches Bein sie überschlägt. Für die Leser mag das unwichtig sein, für mich nicht.
CL: Ein schlechtes Buch erkennt man an floskelhaften Sätzen und vorhersehbaren Wörtern. Dann ist klar: Hier hat sich der Autor nichts vorgestellt. Nur die Sprache hat gesagt: Nach diesem Substantiv kommt dieses Adjektiv.
Das tönt nach KI. Haben Sie Angst davor, überflüssig gemacht zu werden?
CL: Nein, wir müssen uns keine Sorgen machen. Mit jedem Buch wagen wir etwas Neues und erfinden dafür eine eigene Sprache – das kriegt die KI nicht hin.
Benutzen Sie denn KI-Werkzeuge für Ihre Bücher?
NB: Nur hin und wieder für oberflächliche Recherchen, aber nie zum Schreiben.
CL: Ich nutze die KI oft, aber mit ganz klaren Regeln. Sie darf mir keine Formulierungen vorschlagen, das stört mich nur. Und sie soll mich gefälligst siezen.
Nelio Biedermann, Sie schreiben von Hand. Wieso?
NB: Mein erstes Buch habe ich noch auf dem Computer geschrieben. Aber jedes Mal, wenn ich ins Stocken geriet, habe ich von Hand weitergeschrieben und dann ging es wieder. Seither gehört das Schreiben von Hand zu meinem Prozess.
CL: Kannst du deine Handschrift später noch lesen?
NB: Ich schon, aber niemand sonst. Das ist praktisch, weil ich das Manuskript bedenkenlos irgendwo liegen lassen könnte.
«Es ist wahnsinnig schwierig, über glückliche Menschen zu schreiben.»
Nelio Biedermann
«Der Schriftsteller fürchtet sich vor nichts mehr als vor dem Glück», sagt der Erzähler in «Läzär». Würden Sie sich diesen Satz zu eigen machen?
NB: Warum sollte ich mich vor dem persönlichen Glück fürchten? Es ist nur wahnsinnig schwierig, über glückliche Menschen zu schreiben. Da gibt es zu wenig zu erzählen.
CL: Man darf Autoren nicht mit ihren Büchern verwechseln! Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ein glücklicher Mensch bin. Ich bin seit 60 Jahren mit derselben Frau zusammen, habe zwei Kinder, die mir gefallen, und erfreue mich an meinen Enkeln. Das bedeutet aber nicht, dass meine Figuren glücklich sein müssen.
Was wollen Sie als Nächstes erreichen?
CL: Seit meinem 50. Geburtstag schenken mir meine Kinder alle zehn Jahre ein gerahmtes Foto von sich, zuletzt zum 80. Geburtstag. Ich würde gerne noch ein weiteres daneben hängen!
NB: Ich durfte mit «Lázár» schon viele Ziele erreichen, die ich mir für die nächsten 20, 30 Jahre vorgenommen hatte. Mein wichtigstes Ziel ist aber, mir treu zu bleiben und nur über Dinge zu schreiben, die sich richtig anfühlen. Das Schreiben selbst steht ganz klar an erster Stelle.
CL: Irgendwann findet man seinen Lebenspartner, dann ist einem das Schreiben erst einmal herzlich egal.
Charles Lewinsky (80) gehört zu den produktivsten Schweizer Schriftstellern. Mit «Melnitz» oder «Der Halbbart» feierte der Zürcher grosse Erfolge. Über Jahrzehnte prägte er das Schweizer Fernsehen als Drehbuchautor. Seine Werke wurden vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2026 erschien sein Roman «Eine andere Geschichte». Lewinsky studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Zürich und Berlin.
Nelio Biermann (23) ist der Shootingstar der deutschsprachigen Literatur. «Lázár», sein zweiter Roman, stand monatelang auf den grossen Bestsellerlisten. Bereits als Jugendlicher veröffentlichte der Zürcher mit ungarischen Wurzeln erste Texte. Sein Debütroman «Anton will bleiben» erschien 2023. Neben dem Schreiben studiert er Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich.
Interview: Jörg Marquardt
Fotos: Michael Sieber
Erschienen im Migros Magazin #34 vom 19. August. Veröffentlichung bei UZH Alumni mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
