«Ich habe mein Studium aus Interesse gewählt, nicht für die Karriere» UZH-Alumna Monika Rühl

Published on August 24, 2026

UZH-Alumna Monika Rühl folgte bei der Studienwahl ihrer Leidenschaft für Sprache und Literatur. Heute steht sie an der Spitze von economiesuisse. Im Interview spricht sie über ihren ungewöhnlichen Weg in die Wirtschaft, die aktuellen Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Schweiz und die internationale Strahlkraft der Universität Zürich.

UZH Alumni: Sie haben an der UZH Literaturwissenschaften studiert und später eine Karriere in der Diplomatie, in der Bundesverwaltung und bei economiesuisse eingeschlagen. Inwiefern hat Ihr Studium Sie auf diesen Weg vorbereitet?

Monika Rühl: Ich habe mein Studium sehr bewusst gewählt – aus Interesse und Leidenschaft, nicht mit Blick auf ein konkretes Berufsziel. Im Zentrum standen Sprach- und Literaturwissenschaften. Abgeschlossen habe ich in italienischer Linguistik, konkret Soziolinguistik und mit Schwerpunkt Zweitspracherwerb.

Damals hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages Direktorin von economiesuisse werden würde. Das Gelernte aus dem Studium hilft mir in meiner heutigen Rolle. Neben der Vertiefung meiner Sprachkenntnisse, die mir als Leiterin eines nationalen Dachverbands sehr zugutekommen, hat mich das Studium vor allem gelehrt, strategisch zu denken und strukturiert zu arbeiten.

Welchen Rat würden Sie Studierenden geben, die unsicher sind, wohin ihr Studium sie führen wird?

Es gibt zwei Wege. Entweder man wählt ein Studium mit einem klaren Berufsziel. Wer Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt werden will, muss Jus studieren. In diesem Zusammenhang ist es sicher sinnvoll, zu überlegen, welche Berufe nachgefragt sind und wie sie in Zukunft aussehen könnten. 

Oder man entscheidet sich für ein Fach, das einem Freude macht und für das man Leidenschaft empfindet. Genau das habe ich getan. Eine rein karriereorientierte Studienwahl kam für mich persönlich nicht in Frage.

UZH-Alumna Monika Rühl ist seit 2014 Vorsitzende der Geschäftsleitung von economiesuisse.

Eine Studienzeit prägt nicht nur fachlich, sondern oft auch persönlich. Welche Erinnerungen an die UZH sind Ihnen besonders geblieben?

Ich wurde von einem hervorragenden Professor betreut: Gaetano Berruto, einem Spezialisten für Soziolinguistik und Zweitspracherwerb. Die Zusammenarbeit mit ihm hat mir grosse Freude bereitet, und ich habe sehr viel von ihm gelernt.
An der grossen Universität Zürich waren wir in diesem Fachbereich eine kleine Gruppe, man kannte sich. Wir trafen uns im Romanischen Seminar und konnten gegenseitig unser Wissen vertiefen. Da ich zudem häufig in Italien war, konnte ich nicht nur theoretisch, sondern auch empirisch arbeiten.

«Man darf ab und zu sagen: Wir sind gut, und wir wollen gut bleiben.»


Wo sehen Sie die grössten Stärken der UZH – und wo gibt es noch Entwicklungspotenzial?

Die Universität Zürich gehört heute zu den führenden Universitäten weltweit und verfügt über hervorragende Professuren. Das darf sie meiner Meinung nach noch stärker betonen. In der Schweiz – und gerade im zwinglianisch geprägten Zürich – neigen wir oft zum Understatement. Aber ab und zu darf man auch sagen: Wir sind gut, und wir wollen gut bleiben.

Nach zehn Jahren als Diplomatin wurden Sie persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Joseph Deiss. Was haben Sie in dieser unmittelbaren Nähe zur politischen Führung gelernt?

Unmittelbar davor war ich als Botschaftsrätin bei der Schweizer Mission in New York tätig. Die Schweiz hatte damals noch den Beobachterstatus bei der UNO, war also nicht Mitglied. Generell ermöglichte mir diese Zeit spannende Einblicke in die diplomatische Arbeit.

Als persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Joseph Deiss erhielt ich dann eine ganz andere und neue Perspektive. Ich erlebte aus nächster Nähe, wie die Arbeit des Bundesrates funktioniert – von den Vorbereitungsprozessen über die Entscheidungsfindung bis zur Nachbereitung der Geschäfte. Besonders spannend war es zu beobachten, wie innerhalb des Bundesrates Dynamiken entstehen. Dieses Verständnis der politischen Abläufe ist für mich bis heute von grossem Wert.

Anschliessend übernahmen Sie Führungsfunktionen in der Bundesverwaltung, unter anderem als Generalsekretärin des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF). Wie würden Sie diese Rolle beschreiben?

Der ehemalige Bundeskanzler Walter Thurnherr, der selbst Generalsekretär war, hat diese Funktion einmal sehr treffend beschrieben: «Generalsekretär ist alles zwischen einem General und einem Sekretär.»

Einerseits ist man die engste politische Beraterin des Bundesrates und übernimmt klassische Stabsaufgaben. Andererseits trägt man als Leiterin des Generalsekretariats auch Führungsverantwortung – etwa für Finanzen, Personal, Informatik und die organisatorischen Abläufe des gesamten Departements. 

«Diplomatin wurde ich aus Überzeugung und Verbundenheit zur Schweiz.»


Mit Ihrem Wechsel zu economiesuisse haben Sie die Perspektive von der Politik zur Wirtschaft gewechselt. Was hat Sie daran besonders gereizt?

Diplomatin wurde ich aus Überzeugung und Verbundenheit zur Schweiz. Ich wollte einen Beitrag für unser Land leisten. Während meiner diplomatischen Tätigkeit wurde mir immer stärker bewusst, welche zentrale Rolle die Wirtschaft für den Wohlstand der Schweiz spielt. Deshalb reizte mich der Perspektivenwechsel.

Heute vertreten wir im Auftrag unserer Mitglieder deren Interessen im politischen Prozess – das ist unsere klassische Lobbyingarbeit. Gleichzeitig sind wir die grösste Kampagnenorganisation der Schweizer Wirtschaft und setzen uns dafür ein, wirtschaftspolitische Anliegen auch an der Urne erfolgreich zu vertreten.

Welche Vorteile brachte Ihnen Ihre Erfahrung in der Bundesverwaltung in dieser neuen Rolle?

Ich kenne die Bundesverwaltung und ihre Abläufe aus eigener Erfahrung. Heute stehen wir als Interessenvertreter im Dialog mit Verwaltung, Bundesrat und Parlament. Dabei hilft es, zu wissen, wie politische Entscheidungsprozesse funktionieren und wann welche Themen eingebracht werden müssen. 

Wie hat sich Ihr Blick auf das Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verändert?

Ich habe ein viel tieferes Verständnis dafür entwickelt, wie Unternehmen funktionieren und welche Rahmenbedingungen sie brauchen, um innovativ zu sein, zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Gleichzeitig habe ich die Verbandslandschaft kennengelernt, die sehr strukturiert ist und mir zuvor kaum bekannt war.

Was mir auch viel mehr bewusst wurde: Unternehmen übernehmen nicht nur wirtschaftliche Verantwortung. Sie engagieren sich gesellschaftlich und leisten einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sind sehr eng miteinander verbunden.

economiesuisse versteht sich als liberaler Wirtschaftsverband. Stehen für Sie liberale Grundsätze oder die Interessen der Mitglieder im Vordergrund?

Beides. Wir orientieren uns an einem liberalen Kompass, der auf Eigenverantwortung setzt und staatliche Eingriffe möglichst begrenzen will. Gleichzeitig vertreten wir die Interessen unserer Mitglieder.

Natürlich gibt es Situationen, in denen diese beiden Perspektiven nicht vollständig deckungsgleich sind. Die Kurzarbeit ist ein gutes Beispiel. Aus ordnungspolitischer Sicht könnte man sie kritisch beurteilen. Gleichzeitig hat sie sich als wirksamer automatischer Stabilisator in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bewährt und liegt sowohl im Interesse der Unternehmen als auch der Arbeitnehmenden und des Landes insgesamt.

Gibt es innerhalb der Schweiz unterschiedliche wirtschaftspolitische Vorstellungen, etwa zwischen der Deutschschweiz und der Romandie?

Ja, insbesondere bei der Industriepolitik haben wir einen Röstigraben. economiesuisse lehnt staatliche Subventionen zur Förderung einzelner Branchen grundsätzlich ab, weil solche Eingriffe häufig nicht die gewünschte Wirkung erzielen und Fehlentwicklungen verstärken können.
In der Romandie ist die Offenheit gegenüber staatlicher Unterstützung teilweise grösser als in der Deutschschweiz. Solche unterschiedlichen Sichtweisen gehören zu unserem politischen System und müssen immer wieder diskutiert werden.

Pressekonferenz economiesuisse
Monika Rühl an einer Pressekonferenz von economiesuisse mit Präsident Christoph Mäder. 


economiesuisse vereint Unternehmen und Verbände mit teilweise unterschiedlichen Interessen. Wie gelingt es, daraus gemeinsame Positionen zu entwickeln?

Es gibt einen breiten gemeinsamen Nenner: attraktive Rahmenbedingungen, tiefe Steuern, wenige Regulierungen und Bürokratie sowie ein guter Zugang zu internationalen Märkten.

Daneben bestehen selbstverständlich unterschiedliche Interessen einzelner Branchen. Diese bringen wir im Dialog zusammen. Als Bottom-up-Organisation erarbeiten wir unsere Positionen gemeinsam mit den Mitgliedern. Das ist mitunter aufwendig, führt aber in den allermeisten Fällen zu gemeinsamen Lösungen.

Wo sehen Sie derzeit die grössten Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Schweiz?

Die grösste Herausforderung ist die internationale Unsicherheit: geopolitische Konflikte, handelspolitische Spannungen sowie der Bedeutungsverlust multilateraler Institutionen wie der WTO. Unternehmen sind auf Stabilität, Rechtssicherheit und Planbarkeit angewiesen.

Gleichzeitig dürfen wir die Attraktivität des Standorts Schweiz nicht als selbstverständlich betrachten. Im jüngsten IMD-Wettbewerbsfähigkeitsranking ist die Schweiz von Platz eins auf Platz drei zurückgefallen. Das zeigt, dass wir unsere Rahmenbedingungen laufend weiterentwickeln müssen, um Innovation, Investitionen, Produktivitätswachstum möglichst zu stärken. Zentral ist dabei besonders ein guter Zugang zu den internationalen Märkten, insbesondere zur EU und zu den USA.

«Volksabstimmungen zwingen uns, den Dialog mit der Bevölkerung kontinuierlich zu führen.»


Wie kann die Schweiz ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre wirtschaftliche Offenheit langfristig sichern?

Die Diskussion um die US-Zölle im Sommer 2025 hat gezeigt, wie rasch Unternehmen – zum Beispiel im Jura-Bogen – gezwungen werden können, Produktionsstandorte im Ausland zu prüfen. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Unternehmen dauerhaft in der Schweiz investieren. Deshalb müssen wir alles daransetzen, die Standortattraktivität zu erhalten, und der Bevölkerung immer wieder aufzeigen, weshalb diese Rahmenbedingungen wichtig sind.

Eine besondere Stärke der Schweiz ist dabei die direkte Demokratie. Volksabstimmungen zwingen uns, den Dialog mit der Bevölkerung kontinuierlich zu führen und die Bedeutung einer offenen und wettbewerbsfähigen Wirtschaft immer wieder zu erklären. Das ist zwar anstrengend und intensiv, bringt uns aber letztlich vorwärts, weil wir die Bürgerinnen und Bürger mitnehmen und auf ihre Unterstützung zählen können.


Monika Rühl in Kürze: Stationen einer Karriere

Seit 2014: Vorsitzende der Geschäftsleitung, economiesuisse 
2011–2014: Generalsekretärin des Eidgenössisches Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF)
2006–2011: Leiterin des Leistungsbereichs bilaterale Wirtschaftsbeziehungen, SECO, Botschafterin
2002–2006: Persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Joseph Deiss, Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF)
1992–2002: Diplomatin, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA)
1985–1990: Universität Zürich, Master of Arts in Romanistik (summa cum laude)


Interview: Philippe D. Monnier 
Im Auftrag von UZH Alumni
Bilder: economiesuisse