
UZH Magazin: Kinder heilen. Krebs erfolgreich bekämpfen
Die Kinderonkologie hat grosse Fortschritte gemacht. Dank des neuen Nationalen Forschungsschwerpunkts «Children & Cancer» sollen krebskranke Kinder noch präziser, schonender und erfolgreicher behandelt werden. Das Team um den Kinderonkologen Jean-Pierre Bourquin arbeitet daran, bestehende Therapien zu verbessern und neue zu entwickeln. Das Dossier des aktuellen UZH Magazins zeigt, was die Kinderonkologie heute kann und wo es Chancen für weitere Fortschritte gibt.
Kilians Kampf
Kilian Käslin erkrankte als Baby an Leukämie. Damit begann ein monatelanger Kampf um sein Leben, der der Familie und den Ärzt:innen alles abforderte. Heute ist Kilian geheilt, dank neuer Therapien.
Das Erste, was die Eltern bemerken, sind die blauen Stellen an Kilians Körper. «Er ist nie runtergefallen. Und doch waren da all die blauen Flecken», erinnert sich Kilians Mutter Jasmin Käslin. «Wir haben gegoogelt und sind schnell bei der Leukämie gelandet. Da kommt dann die Angst.» Die ersten Abklärungen im Spital verlaufen ergebnislos. Doch die Familie wird weitergeschickt ans Universitäts-Kinderspital Zürich. Dort wird eine Biopsie gemacht. Die Diagnose ist niederschmetternd: Kilian leidet an Leukämie. Genauer an akuter myeloischer Leukämie (AML), einer aggressiven Form von Blutkrebs. AML entsteht aus unreifen Vorläuferzellen im Knochenmark und führt zu einem Mangel an funktionsfähigen Blutzellen. Die Symptome sind Müdigkeit, Fieber und Blutungen, Kilians blaue Flecken. Kilian ist zehn Wochen alt.
Andere Ursachen, andere Krebsformen
Doch weshalb erkrankte Kilian als Baby an Blutkrebs? «Am Kinderspital haben sie uns gesagt, das sei einfach Pech. Wir haben nichts falsch gemacht», erzählt Jasmin Käslin. Tatsächlich entsteht Krebs bei Kindern und Jugendlichen durch zufällige genetische Veränderungen, Entwicklungsstörungen während der Bildung von Organen oder selten durch genetische Vererbung. Bei Erwachsenen sind Krebserkrankungen oft die Folge von jahrzehntelangen Prozessen wie Rauchen, UV-Strahlung, chronischen Entzündungen und der Alterung des Körpers. Kinder leiden auch an anderen Formen von Krebs wie Leukämien, Hirntumoren und sogenannten embryonalen Tumoren, die aus unreifen Zellen entstehen, wie Neuroblastomen (Nerven) oder Hepatoblastomen (Leber). Erwachsene erkranken besonders häufig an Brust-, Prostata- oder Darmkrebs.
«Tumoren bei Kindern haben andere Ursachen und müssen anders diagnostiziert und behandelt werden als Krebs bei Erwachsenen», sagt der Arzt und Molekularbiologe Raphael Morscher, der zum Leitungsteam des Nationalen Forschungsschwerpunkts (NFS) «Children & Cancer» gehört (siehe Box). Gleichzeitig zeichnet sich der Krebs bei Kindern dadurch aus, dass er selten ist. «Selbst bei den häufigsten Krebsformen wie Leukämie oder Hirntumoren gibt es deutlich weniger Fälle als bei häufigen Erwachsenentumoren», betont Jean-Pierre Bourquin, der Leiter des NFS «Children & Cancer», «deshalb braucht die Kinderonkologie eine hochspezialisierte Diagnostik und eine möglichst grosse nationale und internationale Vernetzung der Forschung, um trotz der kleinen Zahlen ausreichend Evidenz und Wissen zu generieren.» Bourquins Forschungsgebiet ist die Leukämie, die häufigste Krebsart bei Kindern.
Weil die Tumoren bei Kindern so divers sind, wird die Behandlung so weit wie möglich individualisiert. Die Schlüssel dazu sind eine möglichst präzise Diagnose des Tumors und daran angepasst eine möglichst präzise Therapie. «Es ist wichtig, jedes Kind als Einzelfall zu betrachten, um die bestmögliche Lösung zu finden», sagt Ana Guerreiro Stücklin, «dabei stützen wir uns auf Behandlungsprotokolle, von denen wir wissen, dass sie für die grosse Gruppe funktionieren.
«Tumoren bei Kindern haben andere Ursachen und müssen anders diagnostiziert und behandelt werden als Krebs bei Erwachsenen.»
Raphael Morscher, Arzt und Molekularbiologe
Gleichzeitig versuchen wir zu verstehen, welches die besonderen Eigenschaften des Tumors beim jeweiligen Kind sind. Dabei spielen das Alter und das Entwicklungsstadium eine wichtige Rolle.» Guerreiro Stücklin behandelt und erforscht Hirntumoren bei Kindern und gehört ebenfalls zum Leitungsteam des NFS «Children & Cancer».
Wir sind zu Besuch bei Familie Käslin auf ihrem Bauernhof in der Nähe des Hallwilersees. Kilian ist jetzt vier Jahre alt und seit drei Jahren krebsfrei. Während des Gesprächs mit seinen Eltern Markus und Jasmin turnt er munter auf dem Sofa herum, spielt mit den Traktoren, die er in der Stube parkiert hat, und scheint die Aufmerksamkeit zu geniessen.
Nach ein paar Minuten stossen Kilians grosse Schwestern Melina (9) und Leana (7) dazu. Wie war es für sie, als Kilian krank war? «Es war eine schwierige Zeit. Mama war oft nicht da, Papa auch nicht», erinnern sie sich. Die Eltern sind oft bei Kilian im Spital. Sie wechseln sich am Spitalbett ab. Kilian leidet an einer seltenen und besonders aggressiven Form von Leukämie, bei der sich das Gen KMT2A mit einem anderen Gen verbindet. Dabei entsteht ein sogenanntes Fusionsprotein, das die normale Steuerung der Blutbildung verändert und die Reifung von Blutzellen blockiert. «Kilians Krebs hatte eine sehr ungünstige Genetik», erklärt Nastassja Scheidegger-Egloff. Die Oberärztin leitet eine Onkologie-Forschungsgruppe am Kinderspital und hat Kilian behandelt. Die Heilungschancen bei Kilians Säuglingsleukämie liegen statistisch nur bei 30 bis 50 Prozent; bei der viel häufigeren Leukämieform, der akuten lymphatischen Leukämie (ALL), sind es 90 Prozent.
Weil der Krebs so aggressiv ist und die Heilungschancen gering, muss er von Anfang an mit starker Chemotherapie bekämpft werden. Damit wird die Stammzellentransplantation vorbereitet. Sie ist die potenteste Waffe im Kampf gegen den Krebs. Während der Chemotherapie gibt es eine Komplikation: Die Haut um den Katheter entzündet sich, daraus entwickelt sich eine Blutvergiftung. Die Chemotherapie muss unterbrochen werden. «Wir haben um Kilians Leben gekämpft», erzählt Jasmin Käslin.
Dem Bruder helfen
Die Blutvergiftung wird gemeistert. Die Chemotherapie geht weiter. Die Stammzellentransplantation kann erst durchgeführt werden, wenn der Körper krebsfrei ist. Die Stammzellen werden Schwester Melina entnommen. Den Eltern macht das zu schaffen: «Für mich war die Vorstellung schlimm, dass man sich beim einen Kind bedienen muss, um dem anderen zu helfen», erinnert sich Mutter Jasmin. Melina erlebt das anders: Für sie ist es wichtig, ihrem Bruder helfen zu können. «Ich bin stolz auf die Mädchen. Sie mussten Unfassbares mitmachen», sagt Jasmin Käslin.
Die Zeit um die Stammzellentransplantation muss Kilian in einem keimfreien Isolationsraum im Kinderspital verbringen. «Das Immunsystem wird so stark unterdrückt, dass es extrem anfällig ist für Pilze, Bakterien und Viren», sagt Nastassja Scheidegger-Egloff. Wer zu Kilian will, muss deshalb seine Hände und Arme desinfizieren und einen Ganzkörperanzug und eine Maske tragen. Für Melina und Leana ist das eine schwierige Zeit: «Kilian war in dieser Kabine und wir konnten ihn nicht drücken. Das war traurig», erinnert sich Melina.
Die Transplantation der gesunden Stammzellen seiner Schwester ist die grosse Hoffnung für Kilian. Doch sie wird enttäuscht: Nach drei Monaten ist die Leukämie zurück. Rückfälle gehören zu den Risiken der Krebstherapie. Das Problem: Die neuen Tumoren sind oft aggressiver als beim ersten Mal, weil es sich um besonders resiliente Zellen handelt, die die erste Therapie überstanden haben. Das erschwert die Behandlung und die Heilungschancen sind geringer. Eine schwierige Situation für die Familie und das Team am Kinderspital. «Die Krebszellen, die die erste Chemotherapie überstanden haben, verfügen über Resistenzen gegen die eingesetzten Medikamente», sagt Nastassja Scheidegger-Egloff. Das schränkt die Behandlungsmöglichkeiten ein. Jene, die noch bleiben, sind sehr toxisch, mit starken kurz- und langfristigen Nebenwirkungen, die Kilians Körper akut bedrohen und langfristig schädigen können.
Die schädliche Wirkung von Krebstherapien gehört zu den grossen Herausforderungen der Behandlung gerade bei Kindern. Paradoxerweise vertragen Kinder beispielsweise die Chemotherapie oft gut, besser als Erwachsene, weil sie noch keine Schäden an Leber, Nieren oder Lunge haben. Doch die langfristigen Nebenwirkungen sind schwerwiegender als bei Erwachsenen, deren Körper vollständig entwickelt ist. «Deshalb müssen wir so viel tun wie nötig, aber so wenig wie möglich», sagt Ana Guerreiro Stücklin, «das ist die Kunst und die Herausforderung der Kinderonkologie: Wir müssen das Notwendige tun, um den Tumor zu bekämpfen; gleichzeitig müssen wir das heranwachsende Kind möglichst vor Langzeitfolgen schützen.»
Bei Kilian stellt sich die Frage, ob ihm eine weitere Therapie zugemutet werden kann, und wenn ja, welche. Kilians Eltern müssen entscheiden, ob sie die Behandlung fortsetzen wollen, trotz der geringen Erfolgsaussichten und der starken Nebenwirkungen, unter denen Kilian leidet. «Das war für uns nur schwer auszuhalten», erinnert sich Mutter Jasmin, «wir haben entschieden – Kilian musste es ertragen.»
Wenn die Heilungschancen nur noch sehr gering sind, könne es für die Kinder wichtiger sein, noch Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden zu verbringen, statt eine weitere Behandlung über sich ergehen zu lassen, sagt Ana Guerreiro Stücklin. «Das müssen wir respektieren.» Gleichzeitig sei sie immer «sehr optimistisch», betont sie. «Wir distanzieren uns gerne ein wenig von den statistischen Wahrscheinlichkeiten und tun für ein Kind alles, was möglich und sinnvoll ist. Jedes Kind und jede Familie ist anders. Wir hören zu, wägen ab und entscheiden gemeinsam. Die Zahlen sind dabei nur ein Teil des Bildes.» Doch man müsse ehrlich sein und dürfe keine Wunder versprechen. «Wir sagen: Wir sind für euch da. Solange euer Kind bei uns ist, es ihm gut geht und es die Therapie verträgt, kämpfen wir weiter. Wenn wir denken, dass es sinnlos ist, sagen wir es auch. Doch auch dann, wenn keine Therapie mehr möglich ist, sind wir für die Familien und die Kinder da.» Entscheiden, ob es weitergeht und wie lange, müssen schlussendlich die Eltern und die Kinder, wenn sie alt genug sind.
«Kilian war in dieser Kabine und wir konnten ihn nicht drücken. Das war traurig.»
Melina Käslin (9), Kilians Schwester
Bei Kilian Käslin liegt diese Verantwortung bei den Eltern Markus und Jasmin. Als sie sich überlegen, Kilian nur noch palliativ zu behandeln und «gehen» zu lassen, eröffnet sich doch noch eine Chance: Im holländischen Utrecht wird in einer internationalen klinischen Studie eine ganz neue Therapie erprobt, mit der verhindert wird, dass das veränderte KMT2A-Fusionsprotein an die DNA andocken kann. Dadurch wird das fehlgesteuerte Programm in den Leukämiezellen unterbrochen. Die Plätze in Utrecht sind bereits vergeben, doch die Pharmafirma erlaubt den Einsatz des Medikaments für Kilian auch ausserhalb der Studie. Die Bedingung: eine zweite Stammzellentransplantation. Doch weshalb? «Die Therapie kann die Leukämie sehr gezielt zurückdrängen, sie heilt aber in vielen Fällen nicht», erklärt Nastassja Scheidegger-Egloff.
Plötzlich gibt es wieder Hoffnung
Die Käslins bringen Kilian nach Utrecht. Mutter Jasmin bleibt bei ihm, Vater Markus, Melina und Leana reisen während der sechs Wochen, in denen Kilian in Utrecht behandelt wird, mehrmals nach Holland.
Die Prognose für die Therapie ist völlig offen. Die behandelnden Ärzt:innen sagen, die ersten Wochen passiere gar nichts. Man lässt den Körper und die Medikamente arbeiten. Danach entscheidet sich, ob die Therapie wirkt oder nicht, ob sie weitergeführt werden kann oder abgebrochen werden muss. Ziel ist, den Körper krebsfrei zu machen, um die zweite Stammzellentransplantation zu ermöglichen. Bei Kilian steigt die Zahl der Tumorzellen anfänglich noch an, dann geht sie schnell zurück und schliesslich verschwindet der Krebs ganz.
Nach der erfolgreichen Therapie in Utrecht kehrt Kilian für die zweite Stammzellentransplantation zurück nach Zürich. Diesmal stammen die Stammzellen vom Vater Markus. Sie sind nur teilweise kompatibel mit Kilians Zellen. Die neuen Immunzellen können die verbliebenen Leukämiezellen deshalb besonders stark bekämpfen. Gleichzeitig besteht jedoch ein höheres Risiko für eine sogenannte Transplant-gegen-Wirt-Reaktion, bei der die Spenderzellen auch gesundes Gewebe angreifen und den Körper an seine Grenzen bringen. Bei Kilian ist die Reaktion sehr intensiv. «Es war eine Gratwanderung», erzählt Markus Käslin. Um die Abstossung zu dämpfen, wird das Immunsystem unterdrückt. Auch das eine Gratwanderung, denn die Immunsuppression darf nicht zu stark sein, sonst bekämpft der Körper auch die Leukämie nicht mehr.
Nach ein paar Wochen zeigt sich: Diesmal wirkt die Transplantation. Die Krebsmarker sind weg und sie bleiben es auch. Was bleibt, ist die Angst vor einem erneuten Rückfall. «Wir haben von Punktion zu Punktion gelebt und gehofft, dass das Ergebnis negativ ist», erzählt Jasmin Käslin. Aus Wochen werden Monate. Dann ist Kilian ein Jahr krebsfrei. Mittlerweile sind es drei. Heute, drei Jahre nach der Stammzellentransplantation, geht es Kilian gut. Er ist quicklebendig.
«Er entwickelt sich geistig normal, das ist nicht selbstverständlich bei den Therapien, die er hatte», sagt Jasmin Käslin. Doch Kilian ist klein für sein Alter. Das erste Jahr nach einer Therapie wachsen die Kinder nicht. Dann erleben sie aber oft einen Wachstumsschub. Dieser ist bei Kilian bisher ausgeblieben. Doch er hat noch Zeit, um das Versäumte aufzuholen.
Kilians Wachstumsstörungen gehören zu den Folgen der Krebsbehandlung. Sie ist ein harter Eingriff in den Körper, der zu Schäden führt, die das Kind auch nach der Behandlung noch belasten. Diese können vielfältig sein. Dazu gehören Wachstumsstörungen, Probleme bei der Hormonproduktion oder kognitive Defizite. Selbst wenn die Kinder geheilt sind und den Krebs überwunden haben, können solche Folgeschäden eine Herausforderung für sie und ihre Familie sein. «Die Familien sind grossartig», sagt Guerreiro Stücklin, «sie geben den Kindern viel Kraft und Optimismus und sind sehr kreativ darin, Lösungen zu finden. Aber es ist oft ein sehr, sehr langer Weg.» Dabei werde es nicht einfacher, betont die Kinderärztin: «Es gibt die Phase der Erleichterung. Wir haben die Krankheit besiegt, das Kind ist geheilt. Wenn sich die Kinder weiterentwickeln, gibt es neue Herausforderungen.» Dazu gehört, dass das Kind zum Teenager wird, der unabhängig werden soll und eine Ausbildung machen will. Doch was ist, wenn der Körper und das Gehirn nicht so funktionieren, wie sie sollten, wenn der junge Mensch nicht sein volles Potenzial ausschöpfen kann? «Dann muss man ihn unterstützen und ihn so gut wie möglich in die Gesellschaft integrieren», sagt Guerreiro Stücklin.
Langzeitschäden minimieren
Kilian Käslin hatte Glück: Es gab eine neue Therapie und sie hat beim ihm gewirkt. Das hat sein Leben gerettet. Zu den neuen Therapien, mit denen grosse Hoffnungen verbunden sind, gehören neben der Stammzellentransplantation, die bei Kilian Käslin beim zweiten Anlauf erfolgreich verlaufen ist, Immuntherapien, bei denen das Immunsystem so beeinflusst wird, dass es die Krebszellen selbst bekämpft. Besonders vielversprechen sind CAR-T-Zelltherapien, bei denen die körpereigenen Zellen im Labor genetisch so verändert werden, dass sie Krebszellen besser erkennen und bekämpfen können; dazu erhalten die T-Zellen einen künstlichen Rezeptor, den «chimeric antigen receptor» (CAR). Dann werden sie millionenfach vervielfältigt und schliesslich zurück in den Körper gegeben, wo sie gezielt die Krebszellen suchen und zerstören.
Die Immuntherapie ist ein wichtiger Fortschritt, weil sie gezielter ist und damit weniger Nebenwirkungen und weniger Langzeitschäden hat als herkömmliche Therapien mit Medikamenten. «Die Weiterentwicklung von Immuntherapien gehört zu den Schwerpunkten des NFS», sagt Jean-Pierre Bourquin, «sie ersetzen teilweise die klassischen toxischen Chemotherapien. So können schädliche Nebenwirkungen vermindert werden.»
Wobei die Betonung auf dem Adverb «teilweise» liegt. Denn das «magic bullet», die magische Kugel, mit der dem Krebs der Garaus gemacht werden könnte, gibt es nicht und es dürfte sie auf absehbare Zeit auch nicht geben, sagt Ana Guerreiro Stücklin: «Als wir mit der Genomsequenzierung angefangen haben, stellten wir uns vor, man könne ein einziges Medikament für jede bestimmte Krebsart entwickeln.» Das hat sich bisher nicht erfüllt . Dank der Genomsequenzierung kann man heute die Veränderungen in den Krebszellen sichtbar machen. Doch dabei zeigt sich vor allem eines: wie vielfältig und verschieden die Tumoren sind. Deshalb braucht es vielfältige Behandlungsmethoden. «Trotz sehr wirkungsvollen neuen Therapien müssen wir weiterhin neue Medikamente und Behandlungsmethoden entwickeln und über Kombinationstherapien nachdenken», sagt Guerreiro Stücklin.
Ein weiterer vielversprechender Weg, Krebszellen zu bekämpfen, ist, ihren Stoffwechsel gezielt zu blockieren. Beim Krebs ist der Stoffwechsel so umprogrammiert, dass er das Wachstum von Krebszellen fördert. Gelingt es, den Stoffwechsel von Krebszellen präzise zu blockieren, kommt ihr biologischer Motor ins Stottern oder gar zum Stillstand. Der Krebs kann nicht mehr wachsen und stirbt ab. Raphael Morscher arbeitet an solchen Therapien.
Alternativen zur Pharmaindustrie
Die CAR-T-Therapie ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Kinderonkologie nicht nur ein Anhängsel der Krebsforschung bei Erwachsenen ist. «Sie wurde zuerst bei Kindern und für Kinder erprobt und eingesetzt», sagt Raphael Morscher. Deshalb sei es falsch, neue Therapien zuerst ausschliesslich für Erwachsene zu testen und Kinder erst im Nachhinein zu berücksichtigen. «Weil die Biologie kindlicher Tumoren anders ist, müssen wir neue Therapien gezielt für Kinder entwickeln.»
«Jedes Kind und jede Familie ist anders. Wir hören zu, wägen ab und entscheiden gemeinsam.»
Ana Guerreiro Stücklin, Neuroonkologin
Dazu braucht es nicht nur erfolgreiche und innovative Forschung. Um Wirkstoffe und Therapien vom Labor auf den Markt zu bringen, braucht es die Industrie, die bereit ist, die hohen Kosten für die klinischen Studien zu tragen. Doch für die Pharmaindustrie sind die Therapien für Krebs bei Kindern finanziell meist nicht attraktiv, weil die Absatzmöglichkeiten gering sind, erklärt Jean-Pierre Bourquin. Gerade weil es sich für die Pharmaindustrie nicht lohnt, müsse die universitäre Wissenschaft Leadership zeigen, sagt Raphael Morscher. «Wir müssen Möglichkeiten finden, die Finanzierung für Forschung und klinische Studien sicherzustellen, auch ohne Industrie.»
Der neue Nationale Forschungsschwerpunkt «Children & Cancer» biete die grosse Chance, die vielfältigen Kompetenzen auf dem Gebiet der Kinderkrebsforschung in der Schweiz zu bündeln und damit in neue Dimensionen vorzustossen, sagt Leiter Jean-Pierre Bourquin: «Es ist ein wichtiges und starkes Signal des Bundes. Wir haben den Auftrag, eine landesweite Struktur aufzubauen und die derzeitige Zersplitterung zu überwinden. Das wird die Kinderkrebsforschung in der Schweiz stärken und die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben.» Der NFS wird von der UZH und der Universität Lausanne geleitet, doch das Ziel ist, alle kinderonkologischen Zentren in der Schweiz einzubinden. Aktuell sind das neun – in einem Land mit neun Millionen Einwohner:innen.
Dank des Nationalen Forschungsschwerpunkts soll die Schweizer Kinderonkologie auch besser in internationale Programme integriert werden, und dies nicht nur als Teilnehmerin, sondern als Mitgestalterin, betont Bourquin. Besonders wichtig sei, die Lücke zwischen exzellenter Forschung und klinischer Umsetzung zu schliessen, sagt Raphael Morscher. «Die Verzögerung, mit der medizinische Innovationen die Kinder erreichen, die wir behandeln, ist heute zu gross.» Das soll sich ändern. Daran arbeiten Jean-Pierre Bourquin, Ana Guerreiro Stücklin, Raphael Morscher, Nastassja Scheidegger-Egloff und ihre Kolleg:innen jeden Tag.
Die Familie Käslin ist glücklich, dass es Kilian heute so gut geht. Während des Gesprächs mit den Eltern hält es ihn nicht lange auf dem Sofa in der Stube, genauso wenig wie seine beiden Schwestern. Sie holen sich ein Glace und gehen in den Garten spielen, aufs Trampolin und zu den Hühnern, wo wir die drei Kinder nach dem Interview beim Herumtollen beobachten. Eines davon ist Kilians Huhn, Fränzi, es lässt sich von ihm herumtragen. Kilian strahlt. Seine Schwestern auch. «Wenn wir die drei Kinder zusammen sehen, ist das für uns das Schönste», sagt Mutter Jasmin, «jedes Mal, wenn ich Kilian anschaue, weiss ich, was es heisst, dass er hier sein darf.»
NFS «Children & Cancer»: Neues Wissen für die Kinderonkologie
Der NFS «Children & Cancer» ist der erste Nationale Forschungsschwerpunkt, der sich ausschliesslich den gesundheitlichen Bedürfnissen von Kindern widmet. Das Konsortium arbeitet an präziseren Diagnosen und entwickelt innovative Ansätze zur Behandlung und Begleitung krebskranker Kinder. Ziel ist ein umfassendes nationales Programm für Forschung, Innovation und moderne klinische Versorgung. Der NFS soll den Zugang zu fortschrittlicher Diagnostik und personalisierten Therapien verbessern, die Kinderkrebsforschung in der Schweiz als Exzellenzzentrum international positionieren und neue Erkenntnisse in der Kinderonkologie gewinnen. Anfang Jahr hat der Bundesrat beschlossen, das Projekt der UZH und der Universität Lausanne mit 16,99 Millionen Franken für die nächsten vier Jahre zu unterstützen. Mit den Nationalen Forschungsschwerpunkten fördert der Bund interdisziplinäre Forschungsprojekte von strategischer Bedeutung verbunden mit dem Aufbau neuer universitärer Strukturen für maximal drei Phasen, insgesamt zwölf Jahre.
Der NFS «Children & Cancer» bringt 32 Forschungsgruppen mit einem breiten Spektrum an Expertenwissen zusammen – von der Pädiatrie, der Krebsforschung über die Datenwissenschaft und künstliche Intelligenz bis hin zu Kommunikation und Pflege. In sechs Arbeitsbereichen werden zentrale Herausforderungen bearbeitet, darunter die biologische Vielfalt von Krebszellen, neue immunbasierte Therapien oder die Entwicklung einer nationalen Plattform für Kinderkrebsdiagnostik. Es wird auch untersucht, wie die Schweizer Bevölkerung über Kinderkrebs denkt, um die Kommunikation zwischen Forschung, Medizin und Gesellschaft zu verbessern.
Gleichzeitig soll der NFS «Children & Cancer» rasch dazu beitragen, ein schweizerisches Kinderkrebsforschungszentrum von internationaler Bedeutung für die Erforschung von Krankheitsmechanismen und die Translation zur Verbesserung der Patientenversorgung aufzubauen. Dieses Zentrum soll sich zusammen mit den führenden internationalen Exzellenzzentren an internationalen Projekten von hoher klinischer Relevanz einbringen. Auf dieser Basis sichert es die bestmögliche Ausbildung der nächsten Generation von Fachkräften und ermöglicht den betroffenen Kindern einen besseren Zugang zu innovativen Behandlungsmöglichkeiten.
Text: Thomas Gull, Redaktor UZH Magazin
Ergänzung durch UZH Alumni:
Förderung exzellenter Nachwuchstalente
Die Kinderonkologin und Forscherin Ana Guerreiro Stücklin sowie der Arzt und Molekularbiologe Raphael Morscher wurden auf ihrem wissenschaftlichen Weg durch den Fonds zur Förderung des akademischen Nachwuchses (FAN) von UZH Alumni unterstützt. Ana Guerreiro Stücklin erhielt die Förderung im Jahr 2020, Raphael Morscher im Jahr 2024.
Mit dem FAN unterstützt UZH Alumni junge Forschende in einer entscheidenden Phase ihrer akademischen Laufbahn und schafft Freiräume für innovative Forschungsprojekte.
Die weiteren Erfolge von Ana Guerreiro Stücklin und Raphael Morscher zeigen, wie wichtig eine gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist. Beide gehören heute zu den führenden Köpfen des Nationalen Forschungsschwerpunkts «Children & Cancer» und leisten mit ihrer Arbeit wichtige Beiträge zur Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen bei Kindern.
Weitere Informationen zum Fonds zur Förderung des akademischen Nachwuchses (FAN) finden Sie unter: www.fan4talents.uzh.ch
Die beiden Artikel aus dem aktuellen UZH Magazin zu Ana Guerreiro Stücklin und Raphael Morscher werden wir zu einem späteren Zeitpunkt auf unserer Website veröffentlichen.
