Zwischen Olympia und Hörsaal: UZH-Alumna Nicola Spirig

Published on June 5, 2026
Nicola Spirig gehört zu den erfolgreichsten Triathletinnen der Welt. Die Olympiasiegerin und mehrfache Europameisterin erbrachte parallel zu ihrem Jurastudium an der Universität Zürich sportliche Höchstleistungen. Heute gibt sie ihre Erfahrung weiter als Referentin, Mentorin und Stiftungsgründerin. Im Interview spricht sie über den Umgang mit Druck, den Wert von Rückschlägen und warum ihr Studium ein wichtiger Gegenpol zum Spitzensport war. 
 
UZH Alumni: Wenn Sie sich selbst in wenigen Sätzen beschreiben müssten – wie würden Sie das tun?

Nicola Spirig: Mir ist wichtig, meine Leidenschaft zu leben. Früher war das vor allem der Sport, heute möchte ich Erfahrungen weitergeben und andere inspirieren – Kinder, Spitzenathletinnen und -athleten ebenso wie Menschen in Unternehmen. Gleichzeitig bleibe ich neugierig und entwickle mich stetig weiter. Und natürlich spielt meine Familie eine zentrale Rolle in meinem Leben.
 
Gab es während Ihres Studiums an der Universität Zürich Erfahrungen, die Sie besonders geprägt haben?

Das Studium war für mich extrem wertvoll, weil es mir Balance gab. Während ich am Wochenende als Athletin um Spitzenresultate kämpfte und versuchte, in meinem Sport die Beste der Welt zu werden, war ich unter der Woche eine ganz normale Studentin und geistig gefordert. Diese zwei Welten zu haben, war für mich besonders in Verletzungsphasen sehr wichtig. Das Studium gab mir Sicherheit und ein zweites Standbein. Dank meiner juristischen Ausbildung konnte ich später zwei Jahre voll auf den Sport setzen, ohne mir Sorgen um meine Zukunft machen zu müssen.
 
«Das Studium an der UZH war für mich extrem wertvoll, weil es mir Balance gab». 
 
Studium und Spitzensport parallel zu verfolgen ist sicher anspruchsvoll. Welche Routinen haben Ihnen geholfen?

Effizienz und Fokus waren entscheidend. Ich hatte nur wenig Zeit zum Lernen, weil ich auch trainieren musste. Deshalb habe ich diese Zeit sehr konzentriert genutzt. Diese Fähigkeit, mich voll auf eine Aufgabe zu fokussieren, hat mir auch später im Leben enorm geholfen.
 
In Momenten maximalen Drucks – etwa bei Olympischen Spielen – wie gelingt es Ihnen, Ihre beste Leistung abzurufen?

Ein Teil liegt sicher in meiner Persönlichkeit: Ich konnte in entscheidenden Momenten oft meine beste Leistung abrufen. Gleichzeitig half die Erfahrung meiner ersten Olympischen Spiele für die vier folgenden enorm. Bei Olympischen Spielen ist der Druck besonders gross, deshalb ist es entscheidend, körperlich und mental extrem gut vorbereitet zu sein. Wer sich früh mit Erwartungen und Druck auseinanderzusetzen, geht am Tag x mit einer klaren Strategie und innerer Ruhe an den Start.
 
«Bei Olympischen Spielen ist der Druck enorm, deshalb ist es entscheidend, körperlich und mental extrem gut vorbereitet zu sein»
 
Wie bereitet man sich mental auf Olympische Spiele vor?

Ich habe entscheidende Rennsituationen immer wieder visualisiert und mich bewusst auf Faktoren konzentriert, die ich beeinflussen kann. Wenn der Druck zu gross wurde, sagte ich mir: Ich kann nur mein Bestes geben, ich habe genau dafür trainiert und ich bin dazu fähig. Diese Haltung hat mir besonders als Titelverteidigerin geholfen, mit hohen Erwartungen umzugehen.

 
UZH-Alumna Nicola Spirig gehört zu den erfolgreichsten Triathletinnen der Welt.
 

Wie hat sich Ihre Definition von Erfolg im Laufe Ihrer Karriere verändert?

Heute bin ich besonders stolz auf Phasen, in denen ich nach Rückschlägen wieder zur Weltspitze zurückgefunden habe – etwa nach Verletzungen oder nach der Geburt meiner Kinder. Erfolg bedeutet für mich, das eigene Potenzial langfristig auszuschöpfen, auch unter schwierigen Bedingungen.
 
Was haben Sie über Niederlagen und Rückschläge gelernt?

Zu Beginn meiner sportlichen Karriere hatte ich grosse Angst vor Fehlern und Niederlagen. Doch wer zur Weltspitze gehören will, muss Risiken eingehen und neue Wege ausprobieren. Das führt zwangsläufig zu Fehlern. Heute sehe ich Niederlagen als Chance: Man lernt aus ihnen und kommt stärker zurück.
 
«Ich habe gelernt, Niederlagen als Chance zu sehen, daraus zu lernen und stärker zurückzukommen».
 
Gibt es Denk- oder Verhaltensweisen aus dem Spitzensport, die Sie bewusst in anderen Lebensbereichen einsetzen?

Sehr viele. Der Sport war für mich die beste Lebensschule. Sogar bei meinen Abschlussprüfungen im Jurastudium konnte ich davon profitieren. Die Situation war ähnlich wie vor einem wichtigen Wettkampf: hoher Druck und nur eine Chance. Ich wusste, wie ich mit der Situation umgehen musste. Auch heute versuche ich, bei allem, was ich tue, voll präsent zu sein und mich ganz auf die jeweilige Aufgabe zu konzentrieren – sei es bei einem Projekt, einem Referat oder in der Familie. Herausforderungen sehe ich als Chance, mich weiterzuentwickeln.

Der Übergang vom Spitzensport in den beruflichen Alltag ist oft schwierig. Was waren für Sie die grössten Herausforderungen?

Für viele Athletinnen und Athleten ist dieser Schritt schwierig, weil sie ihre grosse Leidenschaft hinter sich lassen und ein neues Umfeld aufbauen müssen. Ich hatte den Vorteil, schon während meiner Karriere andere Projekte aufgebaut zu haben – meine  Stiftung, die Kindertriathlon-Serie, die heute elf Austragungsorte umfasst, später den On Athlete Compass zur ganzheitlichen Unterstützung aller international von On gesponserten Athleten. Als ich aufhörte, war ich bereits dreifache Mutter und in verschiedenen Tätigkeiten verankert. Ausserdem hatte ich das Glück, selbst den Zeitpunkt meines Karriereendes zu bestimmen – viele Athleten müssen aufgrund einer Verletzung oder weil sie nicht mehr gut genug sind, ihre Karriere beenden. All das hat mir den Übergang erleichtert.  
 
Was würden Sie aktiven Athletinnen und Athleten für eine erfolgreiche Karriere nach dem Sport empfehlen?

Entscheidend ist, sich schon während der Karriere mit anderen Interessen zu beschäftigen. Manche denken, das lenke vom Sport ab. Für mich war es das Gegenteil: Es hat mir geholfen, den Sport noch mehr zu schätzen. Gleichzeitig konnte ich meine Nachkarriere vorbereiten. Wichtig sind auch Selbstreflexion und ein gutes Netzwerk, das später Türen öffnet.
 
«Entscheidend ist, sich schon während der sportlichen Karriere mit anderen Interessen zu beschäftigen». 
 
Heute treten Sie häufig als Keynote-Speakerin auf. Welche Themen bewegen Ihr Publikum besonders?

Die Rückmeldungen sind unterschiedlich. In meinen Referaten zeige ich auf, was es braucht, um über viele Jahre zur Weltspitze zu gehören: langfristige Planung, Umgang mit Niederlagen, Fokus im Training oder die Bedeutung des Teams. Obwohl Triathlon ein Einzelsport ist, spielte mein Umfeld eine wesentliche Rolle für meinen Erfolg. 

 
Heute gibt Nicola Spirig ihre Erfahrung als Referentin und Stiftungsgründerin weiter.
 

Sie engagieren sich stark für die sportliche Förderung von Kindern. Welche Vision treibt Sie dabei an?

Sport ist eine grossartige Lebensschule. Mit meiner Stiftung und dem Phoenix Kids Triathlon by Nicola Spirig möchte ich etwas zurückgeben. Sport stärkt nicht nur den Körper, sondern vermittelt auch wichtige Fähigkeiten: auf ein Ziel hinzuarbeiten, bei Schwierigkeiten dranzubleiben und an sich zu glauben. Diese Erfahrungen begleiten Kinder oft ihr ganzes Leben und können sie in vielen Lebenssituationen unterstützen.
 
Gibt es Momente beim Kindertriathlon, die Sie besonders berührt haben?

Die Events sind bewusst auf Spass ausgerichtet. Besonders gerne schaue ich den Kleinsten zu mit ihren kleinen Fahrrädern und Schwimmhilfen. Manche Kinder laufen gemeinsam durchs Ziel, andere sprinten voller Ehrgeiz. Diese Emotionen sind unglaublich schön zu erleben. Inzwischen sehen wir sogar schon ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Olympische Medaillen feiern, zum Beispiel Nadia Kälin, die an den Olympischen Spielen 2026 in Milano Cortina im Langlauf Medaillen gewann.  
 
Welche Bedeutung hat Spitzensport für Breitensport und Gesundheit in der Bevölkerung?

Spitzensport hat eine starke Vorbildfunktion und macht Bewegung sichtbar. Viele entdecken eine Sportart erst durch erfolgreiche Athletinnen und Athleten. Je mehr Menschen durch Schule, Medien oder grosse Sportereignisse mit Bewegung in Kontakt kommen, desto stärker wirkt dieser Effekt.
 
«Spitzensport hat eine starke Vorbildfunktion». 
 
Was braucht es, damit die Schweiz künftig noch mehr erfolgreiche Spitzensportlerinnen und -sportler hervorbringt?

Flexible Strukturen sind entscheidend, damit junge Menschen Sport und Ausbildung kombinieren können. In den letzten Jahren hat sich hier bereits viel verbessert, etwa durch flexiblere Studienmodelle oder Lehrstellen. Dennoch gibt es weiterhin Potenzial.
 
Sind andere Länder wie die USA oder Deutschland im Spitzensport besser aufgestellt?

Die Schweiz ist klein und funktioniert anders als grosse Länder. In den USA hat der Hochschulsport eine riesige Bedeutung. Gleichzeitig entwickeln Schweizer Athletinnen und Athleten oft besonderen Ehrgeiz, weil sie früh lernen mussten, sich durchzusetzen und selbst Lösungen zu finden.
 
Wenn Sie jungen Menschen an der UZH eine zentrale Botschaft mitgeben könnten – welche wäre das?

Geniessen Sie Ihre Studienzeit. Wenn ich heute zurückblicke, war das eine sehr schöne und prägende Phase. Und: Sehen Sie Fehler und Rückschläge nicht nur als etwas Negatives. Oft bieten sie eine Chance, daraus zu lernen, stärker zu werden und neue Wege zu entdecken.
 

Nicola Spirig in Kürze: Stationen einer aussergewöhnlichen Karriere
  • Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich, lic. iur. UZH 2010 (magna cum laude)  
  • Olympische Sommerspiele: 2004 in Athen, 2008 in Beijing, 2012 in London (Gold), 2016 in Rio de Janeiro (Silber) und 2021 in Tokio (6. Platz)
  • Mehrfache Triathlon-Europameisterin (European Triathlon Union)
  • Aufbau der Nicola Spirig Stiftung zur Förderung von Bewegung und Nachwuchssport
  • Lancierung der Kindertriathlon-Serie «Kids Triathlon by Nicola Spirig» in verschiedenen Schweizer Städten
  • Rücktritt vom Spitzensport 2022 nach über zwei Jahrzehnten internationaler Karriere
  • Seither tätig als Referentin, Mentorin und Unternehmerin im Bereich Sport, Motivation und Nachwuchsförderung

Mehr zu Nicola Spirig:

Interview: Philippe D. Monnier, im Auftrag von UZH Alumni
Bilder: Kirsten Stenzel