Im Dialog mit der Welt: UZH-Alumnus Werner van Gent über Journalismus und wissenschaftliches Denken

Am June 1, 2026 veröffentlicht

Werner van Gent berichtete als Nahost-Korrespondent über Kriege und Krisen und prägte die Auslandberichterstattung des Schweizer Fernsehens über Jahrzehnte. Der UZH-Alumnus spricht über den Einfluss seines Studiums auf seine Arbeit, die Grenzen journalistischer Praxis und warum ihn der direkte Dialog mit dem Publikum heute besonders reizt.

UZH Alumni: Sie haben Soziologie, Sozialpsychologie und Ethnologie an der UZH studiert. Gibt es eine Lehrveranstaltung oder Person, die Ihren späteren Weg besonders beeinflusst hat?

Werner van Gent: Das «Freitagseminar» des damaligen Leiters des Soziologischen Instituts Professor Peter Heintz war so eine Veranstaltung. Er legte enormen Wert auf soziologisch nachvollziehbare und belegbare Analysen des Zeitgeschehens – und zwar jenseits von jeglicher Ideologie. Das war in den Jahren nach 1968 einzigartig. 

Gab es einen Moment, in dem sich Ihr Weg in den Journalismus abgezeichnet hat? 

Ungefähr Mitte des Studiums, als ich ein Proseminar leitete, wurde mir klar, dass die wissenschaftliche Sprache zu viel vernebelt. Ich wollte die Welt verstehen und dieses Verständnis weitergeben. Ich war mir damals sicher, dass der Journalismus dazu der bessere Weg sei als eine akademische Karriere.

Inwiefern hat Ihr Studium Ihren Blick auf Politik und Medien verändert? 

Im wissenschaftlichen Denken werden Theorien als Instrument zur Analyse von Daten eingesetzt. Es wird nicht nach Daten gesucht, um eine vorgefasste Theorie zu beweisen. Idealerweise müsste die Suche nach wissenschaftlich begründbaren Wahrheiten auch im Journalismus an oberster Stelle stehen, das tut sie aber nicht. Das sieht man zum Beispiel bei statistischen Analysen, die eigentlich nur dazu eingesetzt werden sollten, um Muster zu erkennen. Leider werden sie aber oft zur Bestätigung irgendwelcher, politisch opportunen Thesen missbraucht. Sozialpsychologe Professor Gerhard Schmidtchen warnte davor, Statistik als alleinstehende Wahrheit zu behandeln. Er brachte das ironisch auf den Punkt, als er sagte: «Mit etwas Fantasie kann man mit Statistik alles beweisen». Das ist mir geblieben.

Sie haben Ihre Frau an der UZH kennengelernt. Welche Rolle spielt diese gemeinsame Zeit für Sie rückblickend?

Obwohl wir beide nicht Philosophie studierten – mir fehlte das kleine Latinum –, belegten wir oft Vorlesungen der Philosophie, etwa von Professor Hermann Lübbe. Dass die Philosophie eine Königsdisziplin ist, wollten unsere Kommilitonen von der ETH, mit denen wir in einer Wohngemeinsacht lebten, übrigens nicht wahrhaben. Für sie war die Physik die eigentliche Königsdisziplin. Heute beschäftige ich mich aus reinem Interesse mit Quantentheorie und Kosmologie und muss gestehen, dass beide Disziplinen ohne einander gar nicht mehr auskommen.

Sie waren viele Jahre als Nahost-Korrespondent tätig. Was hat Ihr Interesse an dieser Region ursprünglich geweckt? 

Die Fremdheit des Orients vielleicht, die jahrtausendalte Kultur etwa im Iran oder Irak, die Schönheit der Landschaften auch und natürlich die enorme Wucht der Konflikte. Diese in ihrer Komplexität verstehen zu wollen, ist eine enorme Herausforderung, und bisweilen überfordernd.

Welche Ereignisse haben Sie in dieser Zeit besonders geprägt? 

Als junger und ziemlich grüner Journalist berichtete ich von den verschiedenen Fronten des Iran-Irak-Krieges, auch über die Giftgas-Attacken von Saddam Husein gegen die kurdische Bevölkerung, etwa in Halabja oder Sanandaj. Die Eindrücke in den Spitälern waren verstörend. Später sah ich die Massengräber im Kosovokrieg. Unter die Haut ging auch, als meine Frau, die als NZZ-Korrespondentin tätig war, und ich mit meinem Fernsehteam 2003 im Irak in einen Hinterhalt gerieten. Danach wollte ich nicht mehr als Kriegskorrespondent eingesetzt werden.

Heute moderieren Sie Gesprächsformate wie «Die Runde» – was reizt Sie an dieser Rolle im Vergleich zur klassischen Berichterstattung? 

Ich habe «Die Runde» gemeinsam mit Erich Gysling gegründet, um genau das zu erreichen, was mir als Korrespondent fehlte: der direkte Austausch mit dem Publikum. Bei «der Runde» sitzen 25 bis 30 Personen am runden Tisch und diskutieren mit den Expertinnen und Experten – eigentlich so, wie damals an der Universität im Freitagsseminar.

Was macht eine gute politische Diskussion aus? 

Wissenschaftliches Denken, indem man sagt: «Ich gehe davon aus, dass es so ist – aber es könnte auch ganz anders sein». Der Satz stammt von Professor Reinhard Schulze, der glücklicherweise immer bei «der Runde» dabei ist.

Welchen Rat geben Sie heutigen Studierenden?

Kritisch denken, Theorien hinterfragen. Man kommt weiter damit. Garantiert!


«Die Runde»

Werner van Gent und Erich Gysling analysierten als Korrespondenten für das Schweizer Fernsehen jahrzehntelang die Weltlage. Mit ihrem eigenen Gesprächsformat «Die Runde» haben sie 2010 einen gemeinsamen Wunsch verwirklicht: Expertinnen und Experten diskutieren mit einem interessierten Publikum auf Augenhöhe brisante Fragen des Zeitgeschehens.

«Weiterdenken, wo Ideologien nicht weiterhelfen», bleibt bis heute das Credo. Das Wort ist stets offen, Dialog und Meinungsbildung sind das Ziel. Seit der ersten «Runde» im legendären «Al Bustan Palace» in Maskat war das mehrtägige Diskussionsforum an den verschiedensten Orten zu Gast: von Doha, Kiew, Tiblissi, Nicosia, Athen und Thessaloniki über Dublin, Wien, Istanbul und Montreux bis zuletzt Riga.

Alle sind herzlich eingeladen, zur Runde zu stossen. Einzige Vorbedingung ist ein grosses Interesse daran, das Weltgeschehen verstehen zu wollen.

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www.dierunde.ch

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Interview: Anna-Julia Lingg, UZH Alumni
Bild: Jesca Li