
«Wir kommen um Weiterbildung nicht herum.»
Heutzutage wird Bildung nicht mehr als etwas Abgeschlossenes betrachtet. «Lebenslanges Lernen» lautet das Motto. Wir haben bei Career Coach und UZH-Alumna Anne Forster nachgefragt, weshalb Weiterbildung für die berufliche Entwicklung essenziell ist und worauf man bei der Kurswahl achten sollte.
Als Absolvent:innen der UZH haben wir eine höhere Ausbildung abgeschlossen. Können wir uns auf dem akademischen Titel ausruhen oder müssen wir uns weiterbilden, um beruflich am Ball zu bleiben?
Mit der Ausbildung an der Universität Zürich haben wir einen massgeblichen Grundstein gelegt für unsere berufliche Entwicklung. Aber zu meinen, mit dem Diplom in der Tasche habe man bildungstechnisch ausgesorgt, würde ich verneinen. Wir verändern uns, unsere Umwelt verändert sich und auch das, was wir einmal gelernt haben, entwickelt sich weiter. Um mit der Zeit zu gehen, müssen wir uns immer wieder weiterbilden. Ausserdem sind Veränderungsfähigkeit und der Wille, sich weiterzuentwickeln, wichtige Kompetenzen für die Unternehmen, gerade in Zeiten der Digitalisierung. Und: Weiterbildungen bieten die Möglichkeit, sich in Spezialgebiete zu vertiefen, die in einem klassischen Studium nicht abgedeckt werden können. Darum ist für mich klar, wir kommen um Weiterbildung nicht herum.
MAS, DAS, CAS oder Tageskurse – das Angebot ist riesig. Worauf ist bei der Wahl einer Weiterbildung zu achten?
Am Anfang der Wahl einer Weiterbildung stehen inhaltliche Überlegungen: Will ich mich fachlich oder methodisch weiterbilden oder möchte ich eine Sozialkompetenz stärken? Aber auch praktische Überlegungen: Wie viel Zeit möchte ich darauf verwenden, wie viel Geld möchte ich investieren und unterstützt mich mein Arbeitgeber? Das Schöne an CAS, DAS und MAS ist, dass man die Weiterbildung modular aufbauen kann. So beginnt man mit einem CAS und kann daraus ein DAS machen, wenn man sich in diese Richtung weiter vertiefen möchte.
Erhöht eine Weiterbildung die Arbeitsmarktchancen oder setzen Arbeitgeber eher auf Personen mit praktischer Erfahrung? Oder anders gefragt, kann man sich zu viel weiterbilden?
Es braucht eine gesunde Balance von Bildung und Praxis. Heutzutage zeichnen sich Unternehmen vor allem dadurch aus, dass sie Mitarbeitende bei Weiterbildungen gerade im fachlichen Bereich unterstützen. Zuviel Weiterbildung ist in der Regel nicht das Problem. Wovon ich allerdings abrate, ist Weiterbildung auf Halde. Man hat vielleicht Wünsche, wohin man sich entwickeln möchte. Ein klassisches Beispiel sind Führungspositionen. Es macht aber wenig Sinn, den Führungslehrgang 1-5 zu belegen, obwohl sich im Job noch gar nicht die Möglichkeit dazu bietet. Ich empfehle dringend, die praktischen Umsetzungsmöglichkeiten zu haben, bevor Zeit und Geld investiert wird.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Weiterbildung?
Es kommt darauf an, wo man im Job steht und wohin man sich entwickeln möchte. Eine Weiterbildung macht dann Sinn, wenn sie gebraucht wird. Sie liefert eine gute Toolbox, die aber erst im Job zum Einsatz kommt. Viele Weiterbildungen leben auch vom praktischen Bezug der Teilnehmenden. Darum macht es keinen Sinn, sich in etwas weiterzubilden, das vielleicht in drei Jahren genutzt wird. Allerdings ist der richtige Zeitpunkt etwas sehr Individuelles, eine Pauschalaussage dazu ist schwierig.
Der Volksmund sagt: «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.» Ist das Lernen als Erwachsener im zweiten oder dritten Bildungsweg tatsächlich schwieriger?
Wenn man sich für eine Weiterbildung entscheidet, dann muss diese nicht nur inhaltlich stimmen. Es ist auch wichtig, dass man eine gute Vorstellung davon hat, welche Art von «Lernen» einen erwartet. Sind es vorwiegend Selbststudium, virtuelle Veranstaltungen, Treffen mit Kommiliton:innen oder von den Dozierenden geprägte Vorlesungen? Je nach Lerntyp passt die eine oder andere Form besser. Häufig hilft es, mit den Alumni eines Kurses zu sprechen und Erfahrungsberichte einzuholen. Bei längerfristigen Weiterbildungen besteht oft auch die Möglichkeit, in einen Kurs hineinzusitzen.
In der Pandemie hatten wir mehr Zeit über uns selbst zu reflektieren. Gleichzeitig waren ganze Branchen, wie z.B. im Event- oder Tourismusbereich stark betroffen. Haben Sie vermehrt Nachfragen für eine Neuorientierung erhalten?
Für eine Neuorientierung nicht direkt, aber fürs Thema Orientierung durchaus, und zwar unabhängig davon, ob die Branche gelitten oder geboomt hat. Im Homeoffice haben viele Personen eine Entschleunigung erfahren und die Zeit genutzt, um sich zu fragen, wo sie stehen, worauf sie aufbauen können und wofür ihr Herz schlägt. Zu wissen, was man will und wohin man will, ist die Voraussetzung für die Wahl einer Aus- und Weiterbildung.
Jetzt, da wir zurück in einer Normalität sind, ist es wichtig, dass wir die Gedanken, die wir uns über unsere Ziele gemacht haben, nicht einfach über Bord werfen, sondern weiterverfolgen. Ob mit dem anziehenden Arbeitsmarkt eine grosse Welle an Stellenwechsel oder eine erhöhte Nachfrage für Weiterbildungen kommt, wird sich zeigen.
Eltern sind oft sehr gefordert, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Wie steht es um die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Weiterbildung?
Virtuelle Weiterbildungen sind eine gute Möglichkeit, weil man zeitlich flexibler ist und sie in den persönlichen Tagesablauf integrieren kann. Gerade bei jungen Familien spielt die organisatorische und zeitliche Komponente eine wesentliche Rolle. Fernkurse gibt es schon lange, das ist keine Neuerung der Pandemie. Doch mussten die Hochschulen in der Pandemie nachziehen. Allerdings sind virtuelle Kurse oft anstrengender und ein Austausch über Videoplattformen zeitintensiver.
Informationen zu Weiterbildungen an der UZH
Anna-Julia Lingg, UZH Alumni
