
Ein Leben auf der Überholspur: UZH-Alumnus Andreas Russenberger
Sein Lebenslauf ist aussergewöhnlich: Nach dem Geschichtsstudium machte Andreas Russenberger Karriere bei der Credit Suisse. Heute schreibt er erfolgreich Kriminalromane. Sein Erfolgsrezept? Eine Kombination aus unermüdlicher Leidenschaft, Begeisterung und der Fähigkeit, sich selbst ständig herauszufordern.
Andreas Russenberger enthüllt in seinen Geschichten ein Geflecht aus Intrigen, Lügen und Eitelkeiten. In seinem neusten Kriminalroman «Bellevue» steht die Universität Zürich im Zentrum. Doch wer jetzt an eine Abrechnung mit seiner Alma Mater denkt, irrt. „In meinen Büchern geht es nie um reale Personen,» betont der Autor bei unserem Gespräch im Büro der UZH Alumni. Ihn interessieren übergeordnete Themen: den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, die Spannung zwischen Recht und Gerechtigkeit oder wie im aktuellen Roman die Eitelkeit der Menschen. Diese universellen Konflikte lässt er an vertrauten Schauplätzen spielen. Mal ist es das Bankenwesen, mal die Universität, aber genauso gut könnte es die Pharmaindustrie oder ein Verlag sein. Tatsächlich ziehen sich Dürrenmatt’sche Themen durch sein bisheriges Werk. Ein Vergleich, den Russenberger mit Vorsicht behandelt: «Ich will mich nicht mit dem Altmeister vergleichen, aber wir sind beides Pfarrerssöhne und haben schon als Kind zuhause am Esstisch die grossen Themen aufgesogen.»
Sich mit den Besten messen
An seine Zeit an der Universität Zürich erinnert er sich gerne. Das Studium fiel ihm leicht. Nachdem er und seine Frau schon im ersten Semester Eltern wurden, lag die Herausforderung damals weniger im akademischen Bereich, sondern vor allem darin Studium, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Nach seinem Abschluss und einer zusätzlichen Ausbildung zum Gymnasiallehrer wollte der damals 26-Jährige jedoch raus aus dem Schulsystem: «Nach 20 Jahren Schulzeit und Ausbildung schrie mein Körper nach etwas Neuem,» erinnert er sich lachend. «Ich wollte mich mit Menschen aus aller Welt messen und herausfinden, ob ich mich in einem Grosskonzern behaupten kann.» Im Zürich der 1990er Jahre lag die Antwort auf diese Frage im Bankenwesen.
Der gebürtige Appenzeller bewarb sich bei der Credit Suisse. In der hart umkämpften Welt des Portfolio Managements waren seine Chancen als Geschichtslehrer begrenzt. Doch fand er eine Nische: als Ausbildner für Anlageverkäufer. Dies war der Beginn einer erfolgreichen Karriere in der Finanzbranche, die ihn weit nach oben im Organigramm der Bank führen sollte. Doch nach 20 Jahren im Banking änderte sich die Dynamik: «Meine Agenda war ein Jahr im Voraus ausgebucht, die Meetings wiederholten sich – und dann kam noch die 20. Restrukturierung.» Für Russenberger war dies das Zeichen, weiterzuziehen. Er half, die Transformation im Unternehmen zu begleiten, bevor er die Bankenwelt endgültig hinter sich liess – im Guten, wie er betont. Heute blickt er zufrieden aber ohne Wehmut auf diese Zeit zurück.
Vom Banking zur Literatur – all in
Literatur hat ihn schon immer fasziniert. Besonders Latein und die Werke von Ovid zogen ihn an der Kanti in ihren Bann. Mit Mitte 40 setzte er alles auf eine Karte und wagte sich ans Schreiben: «Ich will nichts schönreden, beim ersten Buch hatte ich richtig Muffensausen. Viele dachten, ich stecke in einer Midlife-Crisis.» Mit dem fertigen Manuskript in der Tasche ging er zur Buchmesse in Leipzig, wollte sich einen Verlag suchen – und wurde erst mal abgewiesen. Was folgte, war eine harte Lernkurve: «Ich habe drei bis vier Absagen bekommen. Die anderen 90 haben gar nicht erst geantwortet.» Inzwischen weiss er, dass Verlage mit der Betreuung der bestehenden Autoren viel zu tun haben, und dass die Lektoren tatsächlich jede Woche einen Stapel Manuskripte auf dem Tisch haben. Und trotzdem ärgert er sich auch heute noch, wenn Verlage es nicht für nötig erachten, aufstrebenden Autoren wenigstens eine Standardabsage zu senden.
Darum, und auch weil Andreas Russenberger sich immer engagiert für Sachen, die er gerne macht, ist er im Vorstand des Schweizer Autor:innenverbands A*dS. Mit seinem Finanz-Background kann er dem Verband einen Mehrwert bieten, zum Beispiel wenn es um Verhandlungen für faire Honorare geht. Selbst hat er das Privileg, nach seiner erfolgreichen ersten Karriere nicht auf sein Schriftstellereinkommen angewiesen zu sein – doch hätte der Student Russenberger bestens von den Einkünften leben können.
Der Weg zur persönlichen Bestleistung
Auch nach sechs Bestsellern bleibt der Zweifel Russenbergers ständiger Begleiter: «Ich habe schon Texte geschrieben, fand sie genial und träumte vom Literaturnobelpreis. Am nächsten Morgen hielt ich sie für völlig unbrauchbar,» erklärt er selbstironisch. Dieser Zweifel ist für ihn jedoch kein Hindernis, sondern vielmehr eine treibende Kraft. «Das Schlimmste beim Schreiben ist, wenn man meint, man wisse, wie es geht. Dann kommt nur etwas Lauwarmes heraus.» Um dieser Falle zu entgehen, wagt sich Russenberger in neue literarische Gefilde. Aktuell experimentiert er mit Kurzgeschichten, die humorvoll die Schwächen des menschlichen Charakters beleuchten. Hier kann er sich austoben, verschiedene Perspektiven und Zeitformen ausprobieren, sich selbst neu erfinden. «Zweifel sind zwar unangenehm, aber sie treiben mich an, mich stetig weiterzuentwickeln.»
Russenberger sprüht vor Begeisterung und Leidenschaft für das, was er anpackt. Diese Einstellung zieht sich durch sein Leben, sei es im Banking, beim Sport oder eben beim Schreiben. «Wenn du etwas mit Freude machst, machst du eigentlich nichts falsch,» ist er überzeugt. Analytisch betrachtet, hat sein Geschichtsstudium einen wichtigen Grundstein gelegt. Hier hat er gelernt ein Problem unvoreingenommen und von verschiedenen Seiten anzuschauen. Das hat ihm beim Schreiben genauso geholfen, wie im Banking. «Das Fragezeichen ist interessanter als das Ausrufezeichen,» sagt er. Sich Zeit lassen, die Sache versuchen zu verstehen, nicht überstürzt handeln. Auch dann treffe man natürlich nicht immer die richtigen Entscheidungen, aber wenigstens müsse man sich nicht vorwerfen, man habe etwas nur einseitig betrachtet.
Einseitig sind seine Geschichten jedenfalls nicht, seine Protagonisten haben Ecken und Kanten, sind vielschichtig. Mit sechs Bestsellern rund um Bankprofessor Philipp Humboldt und Kripo-Leiter Armand Mutazon hat er eine erfolgreiche Krimireihe geschaffen. Und die Ideen gehen nicht aus. Fortsetzung folgt – garantiert.
Text: Anna-Julia Lingg, UZH Alumni
Foto: Adriana Hefti, UZH Alumni
