
Weshalb ich ausgerechnet Sinologie studiert habe und was es mir gebracht hat
Effizienz mag schön und gut sein. Doch Bildung ist mehr als nur Ausbildung. Daher habe ich meine 15 Semester an der Universität als Denkschule aufgefasst.
Wie studiert man effizient und strukturiert, wie kommt man möglichst schnell von der Matura zum Master und dann umgehend zu einer sicheren, gutbezahlten Stelle? Das kann ich unmöglich sagen, zumindest nicht aus eigener Erfahrung. Als ich 1983 an der Universität Zürich mein Studium der Sinologie, Germanistik und Kunstwissenschaft abschloss oder, wie man etwas weniger geschraubt sagte, «das Liz machte», hatte ich 15 Semester hinter mir und hielt ein Diplom in der Hand, das zwar schön aussah, mit dem man in der Praxis aber wenig anfangen konnte.
Dass es mit meiner Fächerkombination zum Beispiel unmöglich war, das Höhere Lehramt zu erwerben und Gymnasiallehrer zu werden, hatte ich mir nicht rechtzeitig überlegt. Zudem beschlich mich das Gefühl, zwar ein weitläufiges und verwinkeltes Haus gebaut, aber den Keller vergessen zu haben. Deshalb kehrte ich nochmals an die Universität zurück und studierte Geschichte als zweites Hauptfach, wiederum bis zum Lizenziat.
Ich habe also lange studiert, zudem weitgehend praxisfern. Anfangs unterstützten mich meine Eltern, doch obwohl sie das klaglos taten, wollte ich lieber auf eigene Kosten und dafür in meinem Rhythmus studieren. Damals war es freilich noch einfacher als heute, interessante und anständig bezahlte Arbeit zu finden.
Nachdem ich gemerkt hatte, dass ich als Nachtportier und Fliessbandarbeiter in der Fabrik nicht wirklich auf einen grünen Zweig kam, unterrichtete ich an einer Lehrlingsfachschule und arbeitete für Verlage: zunächst als Korrektor, dann auch als Übersetzer, Herausgeber, Lektor. «Learning by doing» hiess die Devise. Bald stand ich auf eigenen Beinen und konnte zusammen mit meiner tüchtigen Liebsten auch eine lebhafte kleine Familie ernähren.
An der Universität galt eine andere Zeitrechnung
In meinen Studienjahren lebte ich gleichsam zwei Leben: In den Brotberufen musste ich flink und pragmatisch sein, doch an der Universität galt eine andere Zeitrechnung. Es gab noch kein Internet. Wissen war viel stärker an die einzelnen physischen Informationsträger gebunden: an Bücher, Skripte, Zettelkästen. Die Lehrgänge waren nicht durchstrukturiert und verschult wie heute. Man musste keine Punkte sammeln, die professoralen Unterschriften im Testatheft erhielt man zur Not mit einfachen Tricks.
Natürlich schrieb man Seminararbeiten und hielt Referate. Aber Zwischenprüfungen gab es kaum. In der Sinologie, meinem Hauptfach, fand die einzige grosse Sprachprüfung nach drei Jahren statt, in der Germanistik bildete der «literarische Akzess» eine der wenigen Hürden. Wer sich selbst Arbeit und Struktur geben konnte und sich dem Humboldtschen Bildungsideal «Freiheit und Einsamkeit» verschrieb, schuf sich eine geistige Grundlage fürs Leben. Doch manch ein Gefährte ging auf dem Weg verloren.
«Bummeln» ist wohl nicht der richtige Ausdruck für das, was ich damals tat. Man las und schrieb nächtelang, redete sich die Köpfe heiss. Ging nicht bloss in Veranstaltungen, die das Curriculum vorsah, sondern in alles, was irgendwie interessant zu sein versprach. Auch die Dozierenden nahmen nicht bloss den Lehrstoff durch, sondern teilten mit uns, was sie gerade beschäftigte. Die Werke von Michel Foucault und Pierre Bourdieu zum Beispiel lernte ich bei Jean-François Billeter in der Sinologie kennen, diejenigen von Günther Anders bei Alois Haas in der Mediävistik.
Etliche meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen studierten damals, am Ende der Mao-Ära, Sinologie nicht zuletzt aus einer politischen Motivation: Sie wollten das moderne China als gesellschaftliches Modell verstehen und konzentrierten sich zu diesem Zweck auf die moderne Sprache. Diese war für Hauptfach-Studierende ebenso wie das klassische Chinesisch Pflicht. Auch ich plagte mich tüchtig mit ihr. Aber meine Motivation lag anderswo. Mich faszinierten vor allem die Schriften des Konfuzianismus und Taoismus.
Meine Lizenziatsarbeit wuchs auf über 400 Seiten an
Dann wurde die Lyrik der Tang- und Sung-Zeit zu meiner Leidenschaft. Die Frage, was ihren Zauber ausmacht und was von ihr sich mit welchen Mitteln ins Deutsche retten lässt, beschäftigte mich über Jahre. Meine Lizenziatsarbeit zu diesem Thema wuchs sich auf über 400 Seiten aus. Dass die fünf Pflichtexemplare, die ich schliesslich abgab, die Welt gross verändert haben, bezweifle ich. Aber ich bereue keinen Tag, den ich an sie gewandt habe.
Am Chinesischen interessierte mich das völlig Fremde: Wie konnte eine gleichsam amorphe, von Homofonen wimmelnde Sprache, die weder Konjugation noch Deklination kennt, die ohne Consecutio temporum auskommt und sich stattdessen auf ein paar rudimentäre Stellungsgesetze und Partikel beschränkt, eine so einzigartige, hochdifferenzierte Kultur hervorbringen? Von da fragte ich weiter: Wie entwickeln sich Sprachen und Schriften, was unterscheidet oder verbindet sie, was heisst Übersetzen?
«Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt», sagt Ludwig Wittgenstein im «Tractatus logico-philosophicus». Diese Grenzen für mich ein wenig zu verschieben: Darum ging es mir. Das war ein ehrgeiziges und vielleicht unmögliches Unterfangen; vor allem aber war es völlig zweckfrei. «Literatur als Denkschule» hiess ein Buch des Germanisten Wolfgang Binder, bei dem ich ebenfalls mit Gewinn studierte. Für mich war Bildung immer ein Wert in sich. Die Tausende von Stunden, die ich in Bibliotheken, Archiven und – für mich ganz wichtig! – Antiquariaten zubrachte, habe ich nie bloss als Vorbereitung einer Karriere angesehen.
Als ich 1988 die einzige Bewerbung meines Lebens schrieb und zur NZZ kam, wo ich dann für den Rest meines beruflichen Lebens blieb, war ich bei weitem nicht der einzige Exot. Dort galt die ungeschriebene Maxime: Wer ein Studium, gleich welcher Richtung, absolviert hat, dem ist zumindest zuzutrauen, dass er Hosenboden hat und systematisch denken kann. Was er sonst noch braucht, kann man ihm «on the job» beibringen. Von dieser Haltung habe ich ungemein profitiert, und ich kann nur hoffen, dass sie auch weiterhin gepflegt wird. Denn eine Welt, in der alle Menschen schnurgerade Wege gehen, wäre langweilig, und der Wiener Kulturhistoriker Egon Friedell hat nicht umsonst gesagt: «Der Fachidiot ist auch in seinem Fach ein Idiot.»
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in NZZ am Sonntag, 13.03.2024
Text: Manfred Papst, Journalist & Autor
Bild: Kazuhiro Nogi, Seelöwe Leo schreibt das Schriftzeichen für «Ratte» im Hakkeijima-Meeresparadies in Yokohama. Anlass war das chinesische Jahr der Ratte, das 2020 begann.
