
Was lässt uns erröten? Eine Frage, drei Antworten
Erröten ist mehr als eine Reaktion des Körpers – es ist ein Spiegel unserer Emotionen, unserer sozialen Beziehungen und unserer Kultur. Drei Forschende der Universität Zürich beleuchten das Phänomen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: aus der Dermatologie, der Psychologie und der Kulturwissenschaft.
Ausdruck des Menschseins
Es gibt zwei Arten des Errötens. Das vasodilatatorische Flushing wird durch Substanzen wie Alkohol, Medikamente oder Histamin ausgelöst, die vasoaktive Substanzen freisetzen. Das neurogene Flushing dagegen entsteht durch Emotionen, Hitze oder scharfes Essen. Die Aktivierung des sympathischen Nervensystems setzt gefässerweiternde Transmittoren frei. Hierzu gehört auch das physiologische Erröten, das «blushing». Diese unwillkürliche emotionale Reaktion ist meist Ausdruck eines Schamgefühls. Charles Darwin eröffnet in seinem Werk über die Evolution der Emotionen ein ganzes Kapitel mit dem Satz: «Blushing is the most peculiar and the most human of all expressions.» Da Personen, die sich schämen, auch den Blick abwenden, den Kopf nach unten neigen oder die Hände vor das Gesicht halten, vermuten Philosophen, dass die Blutfülle des Gesichts eine Art Schleier darstelle. Es scheint sich jedenfalls um ein Signal zu handeln.
Thomas Kündig ist Professor für Dermatologie und Direktor der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich.
Nonverbale Entschuldigung
Erröten ist ein facettenreiches Phänomen. Es sei die eigenartigste und menschlichste aller Ausdrucksformen, so Darwin. Wie verbreitet es auch sein mag, zu erröten ist Menschen unangenehm. Es lässt sich nicht kontrollieren und gibt daher unverfälscht Auskunft über emotionale Regungen einer Person. Erröten ist ein soziales Phänomen, das ausgelöst wird in Situationen, in denen man erwartet, von anderen bewertet zu werden. Erröten ist eng verbunden mit Gefühlen von Verlegenheit, Beschämung, Schüchternheit oder Bescheidenheit, wenn man etwas Unpassendes getan hat und um seine soziale Reputation fürchtet oder ungewollt im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. In der Wahrnehmung anderer Personen kann Erröten auch positiv sein. Jemand, der nach einem Fauxpas errötet, den Blick senkt oder verschämt lächelt, lässt erkennen, dass er sich seines Fehlverhaltens bewusst ist und durch diese «nonverbale Entschuldigung» um Nachsicht bittet. In uneindeutigen Situationen hingegen hat man schnell eine Erklärung parat: Der wirklich Unschuldige muss nicht erröten.
Veronika Brandstätter-Morawietz ist Professorin für Allgemeine Psychologie.
Moment der Selbsterkenntnis
Für die Empirische Kulturwissenschaft, insbesondere die Forschung zu populärem Erzählen, ist das Erröten ein interessanter Fall: Ausgerechnet da, wo sich die Emotionen unkontrollierten Ausdruck verschaffen, wird der Körper sozial lesbar. Denn in der Literatur, in Filmen, Comics, TV-Serien sind die Inszenierung und die Interpretation des Errötens dem historischen Wandel unterworfen. Gerade weil junge Frauen im populären Liebesroman des 19. Jahrhunderts (und nicht nur dort) schamhaft zu erröten und die Augen niederzuschlagen hatten, arbeiten Coming-of-Age-Erzählungen heute eher daran, die roten Köpfe von Scham zu befreien. Das Erröten markiert einen Moment der Selbsterkenntnis und der Verständigung. In der auf den Comics der britischen Künstlerin Alice Oseman basierenden Netflix-Serie «Heartstopper» erröten die beiden Teenager Charlie und Nick ständig, wenn sie sich sehen, wissen zunächst aber gar nicht so recht, was das zu bedeuten hat. Charlie weiss, dass er schwul ist, doch für Nick ist es eine neue Erfahrung, in einen Jungen verliebt zu sein, und so helfen ihnen die körperlichen Signale bei der Entdeckung ihrer Sexualität.
Christine Lötscher ist Professorin für Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien.
«DREISPRUNG — Eine Frage, drei Antworten» ist eine Rubrik des UZH Magazins. Das Thema Erröten würde in der Ausgabe 01/26 behandelt.
