«Film ist für mich ein Instrument, um die Welt zu erforschen» UZH-Alumnus & Filmemacher Beat Oswald

Published on December 11, 2025

Mit seiner Kunst stellt UZH-Alumnus Beat Oswald Fragen an die Welt – ohne fertige Antworten, aber mit dem Anspruch, Räume des Dialogs zu öffnen. Welche Rolle sein Studium der Ethnologie und Publizistik an der Universität Zürich dabei gespielt hat und wie es ihn zum Dokumentarfilm führte, erzählt er im Gespräch.

Du hast an der Universität Zürich Ethnologie und Publizistik studiert. Was hat dich damals an diesen Fächern gereizt?
Bei der Ethnologie war es die Neugier. Ich hatte zuvor noch nie von diesem Fach gehört. Die Beschreibung im Studienverzeichnis hat mich neugierig gemacht – dieses Vergleichende, die Auseinandersetzung mit Kulturen, die Nähe zur Soziologie. Publizistik habe ich gewählt, weil ich dachte, das sei der direkte Weg in den Journalismus. Das hat sich als falsche Vorstellung herausgestellt – dennoch war es für mich eine prägende und richtige Wahl.

Inwiefern hat deine Studienwahl deinen weiteren Lebensweg beeinflusst?
Die Ethnologie hat mich tief geprägt. Wer einmal Boas oder Geertz gelesen hat, blickt anders auf die Menschheit und die eigene Kultur. Das Studium hat mir Toleranz gegenüber Menschen und eine gewisse Demut vermittelt – vor allem aber das Bewusstsein, dass wir Teil fragiler sozialer Strukturen sind, die wichtiger sind als das Individuum. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mensch sich in den Dienst der Gesellschaft stellen sollte und sich nicht als ein sich selbst erfüllendes, Glück suchendes Wesen verstehen sollte – das entspricht nicht dem Zeitgeist und führt darum immer wieder zu Debatten mit Kolleginnen und Kollegen. Die Publizistik wiederum hat mir gezeigt, wie Medien wirken und Realität formen. Diesen unglaublichen Schatz an Wissen nutze ich bei meiner Arbeit, um die Welt zu interpretieren. 

Während des Studiums bist du dem Filmemacher Luc Schaedler begegnet. War das der Einstieg in die Welt des Films?
Ja, aber eher indirekt. Film war bis dahin nie mein bevorzugtes Medium – ich kam aus der Musik und vom Schreiben. Durch Luc habe ich entdeckt, dass Film ein Instrument sein kann, um die Welt zu erforschen, Fragen zu stellen und diese festzuhalten. Meine ersten filmischen Erfahrungen machte ich als ethnologischer Berater bei einem Filmprojekt in Grönland, gemeinsam mit einem alten Freund. So kam ich zum Film, auch wenn ich bis heute das Medium Film nicht als mein Hauptkunstinteresse bezeichnen würde. Erst bei meinem zweiten eigenen Filmprojekt Tamina habe ich mich künstlerisch mehr getraut und Gedanken und Gefühle filmisch umgesetzt. Dadurch wurde das Medium Film für mich interessanter.

Dein aktueller Film Tamina. Wann war es immer so? widmet sich der Wolfsdebatte im Taminatal. Wie bist du auf dieses Thema gestossen?
Ganz zufällig. Ich war mit meinem Vater im Tal, als wir von einer Dorfbewohnerin von Wolfsrissen hörten. Mich hat die Energie dieser Erzählung gepackt: Wie ein völlig natürlicher Vorgang – ein Wolf reisst eine Hirschkuh – so stark moralisch und emotional aufgeladen werden kann. Daraus entstanden unzählige Fragen, die mich persönlich betrafen. So begann die Recherche.

Du führst den Film bewusst ohne klare Agenda. Warum ist dir das wichtig?
Das ist wieder der Ethnologe in mir. Ich kann gar nicht anders, als ohne Vorurteile in eine Situation zu gehen. Ich weiss, dass Wissen immer relativ ist. Diese Haltung erlaubt es mir, Geschichten nicht zu werten, sondern Räume für Dialog zu öffnen. Politik muss Position beziehen – Kunst hingegen darf Fragen stellen, ohne Antworten liefern zu müssen.

Welchen Rat würdest du Studierenden geben, die selbst kreativ tätig werden wollen?
Einfach machen. Die spannendsten Filmemacherinnen und Filmemacher, die ich kenne, haben nicht Film studiert, sondern Filme einfach gemacht. Natürlich kann eine Ausbildung in diesem Bereich wertvoll sein, aber entscheidend ist der innere Drang, Kunst zu schaffen. Wer diesen Drang spürt, wird nicht fragen, ob er oder sie Kunst machen darf, sondern einfach anfangen – sei es mit Schreiben, Musik oder Film.

Wenn du auf deine Studienzeit zurückblickst – würdest du etwas anders machen?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe die Jahre an der Uni als Geschenk erlebt: die Bibliotheken, die Menschen, die neuen Denkweisen. Ich war sehr dankbar dafür und zugleich diszipliniert und neugierig. Das Studium hat mich gelehrt, nicht mehr Schüler zu sein, sondern selbstständig und kritisch zu denken.

Wohin führt dich deine nächste künstlerische Reise?
Konkrete Filmprojekte stehen noch nicht fest. Ich habe kürzlich eine Jagdausbildung gemacht und schreibe zurzeit an einem Essay-Buch. Dabei geht es um die Entscheidung, ein Tier zu töten, und die damit verbundenen psychologischen, politischen und ethischen Fragen. Mit einem Stipendium des Mountain Book and Filmfestival werde ich dieses Projekt in Banff weiterentwickeln. Danach werde ich sehen, welche Türen sich öffnen.


Filmtipp: Tamina. Wann war es immer so? 
Beat Oswald, 2025. 

Sehnsüchtig sucht ein Städter im Tamina-Tal nach Wölfen. Aber er findet keine Raubtiere, sondern begegnet vor allem Menschen und ihren Spuren in der Natur. Inspiriert durch diese Begegnungen in der majestätischen Natur beginnt eine poetische Auseinandersetzung mit den Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten, die uns Menschen begleiten und unsere fragile Zivilisation ermöglichen und zugleich gefährden. Ein Film voller Fragen und Staunen. Eine cineastische Wanderung durch innere und äussere Landschaften.

Ab 11. Dezember auf VOD bei Filmingo, Cinefile und Myfilm.ch.


Interview: Anna-Julia Lingg, UZH Alumni
Foto: Abigaile Edwards, Banff Centre 2025