Wie tickt ein Unternehmen? FAN-Fellow Baiba Renerte forscht zu ethischer Unternehmenskultur

Published on December 4, 2025

Dr. Baiba Renerte ist Senior Research Associate am Department of Finance der UZH. In ihrer Arbeit untersucht sie Verhaltensgovernance, indem sie akademische Erkenntnisse mit praktischen Anwendungen verbindet.

Baiba Renerte ist eine von neun Nachwuchsforschenden, die vom Fonds zur Förderung des akademischen Nachwuchses (FAN) von UZH Alumni im Jahr 2025 mit einem Academic Excellence Fellowship ausgezeichnet wurden. Das UZH Department of Finance hat sie zum Interview getroffen.

Herzlichen Glückwunsch zum Academic Excellence Fellowship! Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihr preisgekröntes Forschungsprojekt.

Vielen Dank, ich bin sehr dankbar für diese Anerkennung. 

Die meisten Unternehmen erklären, dass sie eine ethische Kultur anstreben – aber woran lässt sich erkennen, ob dies tatsächlich gelingt? Das ist die Kernfrage meines Projekts. Mich fasziniert, wie abstrakte Werte wie Integrität, übrigens einer der am häufigsten genannten Unternehmenswerte, messbar und überprüfbar gemacht werden können. Meine Arbeit verbindet quantitative und qualitative Methoden der Verhaltensökonomie und Organisationsethik, um zu untersuchen, wie Unternehmen ihre Wertvorstellungen in konkrete Praxis umsetzen und ihre Werte in Formen übersetzen, die beobachtet, getestet und gestärkt werden können.

Mein Projekt untersucht, ob und wie grosse globale Unternehmen derzeit ihre ethische Kultur messen, wo möglicherweise Lücken bestehen und wie wir durch Verhaltensforschung und KI bessere Ergebnisse erzielen können. Ziel ist nicht, Unternehmen zu kritisieren  (viele machen tatsächlich grosse Fortschritte) –, sondern ihnen dabei zu helfen, ihre guten Absichten auf wissenschaftliche Erkenntnisse abzustützen, um mit ihren Investitionen eine grössere Wirkung zu erzielen. Ich möchte eine Brücke schlagen zwischen der Forschung und den organisatorischen Realitäten, die ich aus eigener Erfahrung gut kenne. Nachdem ich sowohl in der Wissenschaft als auch in der Industrie gearbeitet habe, weiss ich, wie wertvoll es ist, wenn diese beiden Welten wirklich voneinander lernen.

Dies ist ein sehr spannendes Forschungsthema, da viele Unternehmen stark in ihre Unternehmenskultur investieren. Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer aktuellen Forschung?

In den vergangenen Jahren haben wir eine deutliche Veränderung beobachtet: Verhaltensforschung beschränkt sich nicht mehr auf Personalwesen oder Marketing, sondern verlagert sich zunehmend in Richtung Audit, Risiko und Compliance. Einige Unternehmen haben bereits spezialisierte Teams aufgebaut. Das ist eine ermutigende Entwicklung, die jedoch neue Fähigkeiten, neue Denkweisen und vor allem evidenzbasierte Ansätze erfordert.

In meiner aktuellen Forschung an der UZH untersuchen wir die Wirksamkeit von sogenannten ethischen Entscheidungshilfen – kurze Reflexionsimpulse, die Mitarbeitende dazu anregen sollen, innezuhalten und ihre Entscheidungen zu überdenken. Diese Instrumente sind weit verbreitet, doch ihre Wirkung hängt stark davon ab, wie und in welchem Kontext sie eingesetzt werden. Passives Vorhandensein – beispielsweise in einem Ethikkodex – bewirkt wenig. Aktives Engagement hingegen kann motivierte Mitarbeitende stärken und inspirieren. Interessanterweise können dieselben Fragen aber bei weniger motivierten Personen gegenteilige Effekte haben und eher Selbstrechtfertigung statt Reflexion auslösen.

Dieses Muster illustriert das Phänomen des motivierten moralischen Denkens: Die richtigen Fragen funktionieren nur, wenn wir offen für die richtigen Antworten sind. Sorgfältig eingesetzt, können solche Instrumente helfen, die Kluft zwischen Ideal und Realität sichtbar zu machen. Werden sie hingegen defensiv oder mechanisch angewendet, können sie unbeabsichtigt problematische Verhaltensweisen legitimieren. Verhaltenswerkzeuge sind wirkungsvoll – aber sie müssen sorgfältig gestaltet und getestet werden.

Wie sind Sie zu diesem Forschungsgebiet gekommen?

Ich war schon immer fasziniert von der subtilen Kluft zwischen dem, was Menschen zu tun beabsichtigen, und dem, was sie tatsächlich tun. In meiner früheren Tätigkeit in einem multinationalen Grossunternehmen arbeitete ich im Bereich Ethik und Compliance mit verhaltenswissenschaftlichen Methoden. Diese Erfahrung zeigte mir, wie viel Potenzial darin liegt, wenn Unternehmen menschliches Verhalten ernst nehmen und Systeme gestalten, die verantwortungsbewusste Entscheidungen fördern.

Ethisches Verhalten hängt selten nur von individueller Moral ab, sondern wird massgeblich vom Umfeld geprägt, – von Normen, Erwartungen und subtilen Signalen im Alltag. Diese Erkenntnis bestimmt bis heute meine Forschung. Mich interessiert, wie wir Organisationen so gestalten können, dass Kultur und Anreize aufeinander abgestimmt sind, um Mitarbeitende zu unterstützen und gleichzeitig einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.

Sie unterrichten «Behavioral Corporate Governance, Ethics and Compliance» an der Universität Zürich. Wie reagieren Studierende auf dieses Thema? 

Im Kurs analysieren wir reale Fälle von Unternehmensskandalen und betrachten die psychologischen und organisatorischen Kräfte dahinter. Die Entwicklung dieses Kurses war für mich besonders bereichernd. Die Studierenden zeigen echte Neugier und stellen kritische Fragen, die sich Dozierende wünschen. Viele von ihnen sind bereits für Themen wie Fairness, Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit sensibilisiert, reagieren jedoch überrascht, wie viel die Verhaltensforschung darüber aussagen kann, warum gute Menschen manchmal schlechte Entscheidungen treffen.

Diese Diskussionen verdeutlichen: Ethik bedeutet nicht nur, Fehlverhalten zu vermeiden, sondern die Systeme und Anreize zu verstehen, die unser tägliches Verhalten formen. Ich habe den Eindruck, dass für diese Generation Ethik kein vom Geschäftsleben getrenntes Thema ist, sondern ein Bestandteil erfolgreicher Unternehmensführung. Mein Ziel als Dozentin ist es, ihnen die analytischen und verhaltensbezogenen Werkzeuge an die Hand zu geben, um diese Haltung wirkungsvoll umzusetzen.

Gibt es zukünftige Projekte, von denen Sie uns erzählen möchten?

Das Fellowship-Projekt ist eigentlich erst der Auftakt zu einer umfassenderen Forschung zu Verhaltenssteuerung und Organisationsverhalten. In der nächsten Phase analysieren wir das, was Finanzaufsichtsbehörden als «Risikokultur» bezeichnen. Gemeinsam mit Partnern aus der Privatwirtschaft werden wir den Einfluss bestimmter Steuerungsmechanismen auf ethisches und risikobezogenes Verhalten untersuchen.

Darüber hinaus interessiert mich, wie Verhaltensethik mit öffentlicher Politik zusammenhängt – etwa, weshalb manche Unternehmen das Zahlen von Steuern als Teil ihres Sozialvertrags verstehen, während andere es als strategisches Spiel betrachten. Ich untersuche auch Verhaltensinterventionen, die dabei helfen sollen, dem kurzfristigen Denken von Organisationen entgegenzuwirken – damit ein besserer Ausgleich zwischen unmittelbaren Zwängen und langfristigen Zielen gelingt. 

Und natürlich spielt auch KI eine wachsende Rolle. Während viele Debatten sich darauf konzentrieren, KI verantwortungsvoller zu gestalten, wird seltener betrachtet, wie sie menschliche Entscheidungen beeinflusst. Wie meine früheren Studien zeigen, können selbst gut gemeinte Tools schaden, wenn sie unreflektiert eingesetzt werden. Diese Dynamiken zu verstehen, ist entscheidend, wenn KI zunehmend zum Co-Piloten in der Unternehmensführung wird.
Was mich an dieser Arbeit besonders motiviert, ist zu sehen, wie Forschung konkrete Veränderungen bringt und die Führungs- und Lernprozesse in Organisationen verbessert.

Vielen Dank für Ihre Einblicke – wir freuen uns auf weitere Neuigkeiten und wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre Forschung!


Fonds zur Förderung des akademischen Nachwuchses

Mit dem Fonds zur Förderung des akademischen Nachwuchses (FAN) setzt sich UZH Alumni dafür ein, dass herausragende Nachwuchsforschende ihre wissen¬schaftliche Eigenständigkeit unter Beweis stellen können. Über 200 junge Wissen¬schaft¬ler:innen wurden vom FAN bereits mit mehr als 14 Millionen Franken unterstützt. Damit stärkt UZH Alumni die UZH im Wettbewerb um die klügsten Köpfe und investiert in die Wissenschaft von morgen.

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Dieses Interview ist zuerst erschienen am 27.11.25 bei UZH Department of Finance.
Text: Cornelia Kegele, UZH Department of Finance

Deutsche Übersetzung: Anna-Julia Lingg, UZH Alumni