
Auf einen Sprung beim Anwalt
UZH-Alumnus Matthias Appenzeller ist der beste Cliff Diver der Schweiz. Und bald Anwalt. Sein erster Fall: Mit vier kletterte er aufs Zehn-Meter-Brett. Heute stürzt er sich mit 85 km/h in die Tiefe...
Er sieht so unglaublich locker aus, wie er da auf der Plattform tänzelt, 27 Meter über dem türkisgrünen Urnersee, und die Arme parallel in die Höhe reckt. Wie er die Zuschauer unten – es sind hunderte, die auf Schlauchbooten und Gummi-Flamingos im Wasser treiben – zu rhythmischem Klatschen animiert. Wie er sich dann ganz ruhig an die Absprungkante stellt, ein muskulöser, tätowierter, langhaariger Surfer-Typ. Und wie er dann abspringt – und in einer einzigen eleganten Bewegung drei Saltos und eineinhalb Schrauben in die zwei Sekunden packt, die ihm bleiben, bevor er mit 85 km/h die Wasseroberfläche durchschlägt. Als er wieder auftaucht, reisst er den Arm in die Höhe. Das Publikum beim «Red Bull Cliff Diving World Series»- Event 2018 in Sisikon jubelt. Matthias Appenzeller, Schweizer Lokalmatador und Debütant bei dem Wettbewerb, hat einen überzeugenden Auftritt hingelegt. Oder, besser gesagt, Absprung. Partystimmung bei den Zuschauern. Doch wohl nur die wenigsten von ihnen wissen: Die Vorbereitung für den Sprung, den sie eben sahen, die zwei Sekunden, die soeben vor ihren Augen verflogen, hat schon ein Jahr zuvor begonnen. Und der Sonnyboy, der ihn vollführte, hat auch noch eine ganz andere Seite.
Matthias Appenzeller, 28, sitzt vier Jahre nach dem Sprung von Sisikon in seiner Wohnung nahe Zürich und lächelt, als er an seinen Auftritt denkt. «Das war fast surreal mit all den Zuschauern.» Unter dem gebügelten hellblauen Hemd zeichnet sich sein Bizeps ab, die blonden Haare hat er akkurat zum Pferdeschwanz gebündelt. Matthias ist heute der wohl beste Klippenspringer der Schweiz. Er hat sein Land in den vergangenen Jahren bei High-Diving-Weltcups und der Weltmeisterschaft 2019 in Korea vertreten, er hat immer wieder Wettkämpfe bei der Red Bull Cliff Diving World Series absolviert, und wenn diese am 10. und 11. September wieder Station macht in Sisikon, wird er ein weiteres Mal mit der Weltelite des Klippenspringens oben auf der Plattform stehen.

Gesetze der Schwerkraft
Aber wäre man Matthias in den vergangenen fünf Jahren auf Schritt und Tritt gefolgt, hätte man überraschend viel Zeit mit Rumsitzen verbracht, während er über Laptop und Büchern sass. Denn mindestens so intensiv wie mit Mental-, Fitness- und Sprungtraining setzte sich Matthias mit Themen wie Straf-, Privat- und Wirtschaftsrecht auseinander. Seit 2016 führt er ein Leben zwischen Klippenspringen und Jurastudium, zwischen Paragraphen und den Gesetzen der Schwerkraft, ein Leben in zwei Welten, die völlig verschieden sind, aber sich auf erstaunliche Weise ergänzen und befruchten.
In die erste dieser zwei Welten taucht Matthias schon als kleiner Junge ein: Er ist vier Jahre alt und trägt noch Schwimmflügel, als er im Freibad seinen ersten Sprung vom Zehn-Meter-Brett absolviert. «Ich dachte überhaupt nicht nach», sagt er und lacht, «ich lief einfach vor und sprang.» Die Bademeister sind froh, dass nichts passiert ist, und einer empfiehlt Matthias bald einen Verein, bei dem er das Turmspringen richtig lernen kann. Mit zehn Jahren trainiert Matthias fünfmal pro Woche. Er geht auf eine Sportschule, dann aufs Sportgymnasium, das Training wird noch intensiver, sein Ziel immer klarer: Er will als Turmspringer zu den Olympischen Spielen. Tatsächlich schafft er es in den Kader der Schweizer Wasserspring-Nationalmannschaft. Doch die internationale Konkurrenz ist stark, der Druck enorm, und sein Körper beginnt sich zu melden. Verletzungen an Kreuzband, Ellbogen, Sehnen. Sie bremsen ihn, lassen die Zweifel wachsen: Willst du das hier noch? Willst du das wirklich? Und mit welchem Ziel? Schliesslich, da ist Matthias 19 Jahre alt, lautet seine Antwort auf diese Fragen: Ich fokussiere mich auf etwas Neues – ein Studium der Rechtswissenschaften. «Ich spürte einfach, dass es Zeit war, etwas anderes anzugehen.»
Das Fach wählt Matthias schlicht aus Interesse. Schnell merkt er, wie gut es ihm liegt. Auch wenn er zwischenzeitlich nicht mehr fliegt. «Vieles, was ich durchs Turmspringen gelernt hatte, brachte mir grosse Vorteile», sagt er. Zum Beispiel: sich voll auf ein grosses Ziel fokussieren zu können. «Solange ich Turmspringen machte, war ich ein eher unterdurchschnittlicher Schüler. Mein Fokus lag auf dem Sport, total. Aber sobald ich ihn aufs Studium legte, wurden meine Noten deutlich besser.» Die zweite nützliche Turmspringer-Fähigkeit: akribisches Arbeiten. «Man muss in beiden Bereichen sehr genau sein, Dinge hinterfragen, Prozesse optimieren. Und viel Disziplin mitbringen.» Und dann wäre da noch eine wichtige Erkenntnis, die er aus seinen Leistungssportjahren mit ins Jurastudium nimmt: Einen Berg besteigt man Etappe für Etappe. Man setzt sich also kleine, machbare Ziele, um sich von einer riesig erscheinenden Aufgabe nicht überwältigt zu fühlen, sei es ein Dreifachsalto oder ein Universitätsabschluss.

Erst Feuer, dann Wasser
Zwei Jahre lang hält sich Matthias von Sprungtürmen fern und konzentriert sich nur auf das anspruchsvolle Studium. Dann beginnt er wieder sporadisch mit Kumpels zu trainieren, nimmt gelegentlich an Wettkämpfen teil. Der ungebändigte Enthusiasmus aber kehrt erst zurück, als ihm der befreundete Klippenspringer Alain Kohl von dem für 2018 geplanten Event in Sisikon erzählt. «Du hast noch ein Jahr Zeit», sagt Kohl, «bereite dich vor, dann reichen wir ein Sprungvideo von dir ein – vielleicht kannst du mit einer Wildcard teilnehmen.»
«Plötzlich war wieder das Feuer da», sagt Matthias. Er trainiert, bekommt die Wildcard, tritt in Sisikon an. Danach hat er einen Namen in der Welt der Klippenspringer. Und einen noch dichteren Terminkalender. Die Einladungen zu Cliff-Diving-Events werden sprunghaft mehr, die Uni-Seminare aber nicht weniger. «Es kam nicht selten vor, dass ich mit gepacktem Koffer eine Prüfung an der Uni schrieb und zwei Stunden später im Flieger zum nächsten Wettbewerb sass.»
Wie kriegt man das hin? Weltklassesportler zu sein und gleichzeitig einen Master in Rechtswissenschaften mit Summa-cum-laude-Prädikat abzuschliessen, wie Matthias es vergangenen Sommer getan hat? «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg», sagt er. «Mir war schnell klar, dass ich unbedingt beides in meinem Leben haben wollte: das ruhige, bedachte Arbeiten mit den Paragraphen, aber auch die Adrenalinmomente beim Springen, die Wettkampfsituation, die Emotionen, das Rampensau-Sein.» Der Weg, den er für sich gefunden hat: lange Tage, gute Planung, transparente Kommunikation mit Dozenten, Chefs, Freunden. «Dann kriegt man das schon auf die Reihe.» Sein Alltag zurzeit: Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für einen Professor an der Uni Zürich und beginnt mit der Vorbereitung für die Anwaltsprüfung. Das ist der nächste herausfordernde Schritt auf dem Weg zu seinem beruflichen Ziel: Staatsanwalt zu werden.
Parallel dazu trainiert er täglich. Joggen, CrossFit, dreimal die Woche auf den Turm. Es gibt nur sehr wenige Trainingsanlagen, auf denen er Sprünge aus 27 Meter Höhe absolvieren kann, wie sie die Springer bei der Red Bull Cliff Diving World Series zeigen. Deshalb trainiert er vom Zehn-Meter-Brett einzelne Teile der Sprünge – Absprungphase, Drehungen, Eintauchphase – und setzt sie erst später am 27-Meter-Podest zum Gesamtkunstwerk zusammen. «Es kam schon vor, dass ich mich zu Wettkämpfen mit Sprüngen angemeldet habe, von denen ich grundsätzlich nicht wusste, ob ich sie beherrsche. Erst beim Abschlusstraining an der Event-Venue habe ich die eingeübten Einzelteile dann zusammengefügt und den kompletten 27-Meter-Sprung getestet. Wenn die Bedingungen so sind, muss das Mentale wirklich stimmen: Du musst überzeugt sein, dass du es kannst.»
Das Hirn der Muskeln
Und diese Überzeugung entsteht durch Erfahrung und Wiederholung: Immer wieder übt er im Training dieselben präzisen Bewegungsabläufe, geht sie im Kopf durch. Bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind, in die «Muscle Memory», wie Klippenspringer sagen, das Muskelgedächtnis. Wenn sein Körper den Sprung im Grunde von selbst absolviert, fühlt sich Matthias für ihn bereit. Und dieses Gefühl nimmt ihm später, wenn er in 27 Meter Höhe steht, um einen Sprung zu wagen, den er nicht oder kaum geübt hat, die Angst. «Es ist dann keine Furcht mehr, die ich dort oben fühle, es ist Respekt.» Denn natürlich, man kann sich verletzen bei einem misslungenen Sprung, gerade aus 27 Metern, denn mit jedem Meter Höhe wird der Aufprall härter. «Jeder Springer weiss, dass es ein gewisses Risiko gibt. Darum bereitet sich auch jeder absolut seriös vor. Und darum ist auch der Zusammenhalt unter den Springern so gross. Keiner würde dem anderen etwas Schlechtes wünschen. Im Gegenteil. Wir trainieren, reisen, schlafen zusammen und unterstützen einander, so gut es geht. Und zwar jeder jeden. Auch das liebe ich an diesem Sport.»
In Sisikon wird er ihn im September wieder zelebrieren können. Und es soll nicht das letzte Mal sein. «Der legendäre Orlando Duque ist noch mit über vierzig bei der Red Bull Cliff Diving World Series angetreten», sagt Matthias. «Man kann lange Cliff Diver bleiben.» Auch als Staatsanwalt. Von schweren Fällen zum freien Fall – für einen wie Matthias Appenzeller ist das nur ein kleiner Sprung.
25 Jahre Red Bull Cliff Diving
Atemberaubende Höhen und akrobatische Freifälle mit einer Geschwindigkeit von bis zu 85 km/h – das ist die Red Bull Cliff Diving World Series. Die Schweiz spielt für die grosse Sprung-Tour eine wesentliche Rolle, denn: Sie entstand nach einem ersten Event 1997 in Brontallo (Tessin). Danach tourte die offizielle Serie ab 2009 durch die ganze Welt. Nach drei Austragungen in Sisikon (2009, 2010 und 2018) wird heuer das 25-Jahr-Jubiläum gefeiert.
Am 10. und 11. September treten die besten Klippenspringerinnen und -springer in Sisikon an. Infos und Tickets: redbullcliffdiving.com
Dieser Artikel ist zuerst erschienen bei The Red Bulletin, 8.8.22
Text: Alexander Neumann-Delbarre
Bilder: Philipp Müller
