Rendezvous der Fabelwesen: Auf Spurensuche zwischen Mythos und Realität

Published on January 18, 2022

Schon seit Urzeiten beschäftigen den Menschen Vorstellungen von fantastischen Wesen wie Drachen, Einhörner, Basilisken oder Bigfoot. In seinem neuen Buch «Rendezvous der Fabelwesen» wirft der Zoologe Heinz-Ulrich Reyer einen biologischen Blick auf die Kulturgeschichte der Fabelwesen und zeigt, dass viele Fabeltiere überraschend reale Vorbilder haben. Ein Gespräch über die Berührungspunkte von Zoologie und Fabelwelt.

UZH-Biologe Heinz-Ulrich Reyer präsentiert sein neues Buch «Rendezvous der Fabelwesen».

Als Zoologe haben Sie sich jahrzehntelang wissenschaftlich mit der realen Tierwelt beschäftigt. Was fasziniert Sie an den mystischen Fabelwesen?

Heinz-Ulrich Reyer: Meine Faszination ist eine unmittelbare Folge meiner wissenschaftlichen Arbeit. Ein Schwerpunkt meiner Forschung lag auf Evolution, Ökologie und Verhalten von Hybriden, also auf Mischwesen zwischen verschiedenen Tierarten – vor allem bei Fröschen. Von da ist es zu Fabelwesen nicht weit, denn bei ihnen handelt es sich ja oft um Mischwesen. Denken wir nur an ägyptische Gottheiten wie Horus und Anubis mit Menschenkörper und Falken- bzw. Schakalkopf; oder an den Basilisken, eine Mischung aus Hahnenkörper und Schlangenschwanz, manchmal auch noch mit Menschenkopf dargestellt. Nach meiner Emeritierung habe ich mich zunehmend für diese mythischen Mischwesen interessiert und in meinem Buch ihre Biologie und Kulturgeschichte zusammengebracht.

Wie real sind Fabeltiere?

Gar nicht! Es gibt zwar zahllose Behauptungen, Einhörner, Drachen, Yetis, Meerjungfrauen und andere Fabelwesen seien gesichtet worden, aber zweifelsfreie Belege fehlen. Dazu kommen völlig unsinnige Erklärungen, z.B. unsere Vorfahren seien einst Sauriern begegnet und dieser Eindruck hätte sich nach und nach in unseren Köpfen zum Bild des Drachen gewandelt. Menschen können Sauriern nie begegnet sein, denn die letzten Saurier starben bereits vor rund 65 Millionen Jahren aus; die heutigen Menschen (Homo sapiens) erschienen aber erst vor rund 300.000 Jahren auf unserem Planeten. Und von den heute lebenden Tieren kommt auch keines als generelles Vorbild für Drachen infrage. 

Welche Bedeutung hatten und haben Fabelwesen für die Menschen?

Fabelwesen waren von jeher erdachte Verkörperungen für Dinge, die die Menschen tief bewegen. Nehmen wir als Beispiel nur die Drachen. Sie galten ursprünglich als Verursacher von Chaos aller Art, z.B. von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, verheerenden Überschwemmungen und anderen Naturereignissen, die sich die Menschen der damaligen Zeit nicht erklären konnten. Im Mittelalter standen Drachen für die Gegner Gottes und mussten daher von christlichen Helden wie dem Heiligen Georg erlegt werden. Noch heute gilt dieser Kampf als Symbol für «Gutes besiegt Böses». So der Name einer Skulptur neben dem Gebäude der Vereinten Nationen in New York. Sie zeigt St. Georg zu Pferde, wie er mit einem Speer einen Drachen tötet, der aus Teilen sowjetischer SS-20-Raketen und US-amerikanischer Pershing II besteht. In anderen Fällen ist der Drache zur Metapher geworden. Beispielsweise spricht man in der Psychologie vom «Drachen der Depression»; und in Südafrika bezeichnete man die hohe HIV-Rate als «fünfköpfigen Drachen», um auszudrücken, dass die starke Ausbreitung auf mehrere gefährliche Entwicklungen zurückzuführen ist.

Kann die Zoologie Lehren aus der Fabelwelt ziehen?

Ich glaube schon – wobei die wichtigste Lehre für mich darin besteht, zu erkennen, welche Tiere es tatsächlich gibt und welche nicht. Oder sagen wir besser: welche bisher nicht gefunden wurden. Es werden ja immer wieder bisher unbekannte Arten entdeckt, auch solche, die man einst für Fabeltiere hielt. Auch hier nur ein Beispiel: das Schnabeltier. Als im 18. Jahrhundert die ersten Berichte über dieses eierlegende Säugetier mit Merkmalen von Vogel und Reptil nach Europa gelangten, glaubte man dort nicht an seine Existenz und hielt Bälge für Fälschungen, bei denen man einen Entenschnabel an ein Biber-ähnliches Tier genäht hatte. Berichte über Fabelwesen können durchaus ein Anreiz sein, genauere Nachforschungen anzustellen. Allerdings darf man dabei nicht in den Fehler der Kryptozoologen verfallen, die ohne stichhaltige Beweise von manchen Fabelwesen (z.B. Drachen, «Nessie», Yeti) behaupten, es gäbe sie tatsächlich, man habe sie bisher nur noch nicht gefunden.

Heinz-Ulrich Reyer ist Biologe und war von 1988 bis 2012 Professor für Zoologie an der Universität Zürich mit dem Schwerpunkt auf Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung und Ökologie, insbesondere von Hybridtieren.

 

 

 

 

Rendezvous der Fabelwesen. Drache, Einhorn & Co. zwischen Mythos und Wirklichkeit; Reyer, Heinz-Ulrich; wbg Theiss, Darmstadt, 2021.

Anna-Julia Lingg, UZH Alumni