Fokus Digitalisierung: Symbiose zwischen physischer und digitaler Welt

UZH-Alumnus und Entrepreneur Samuel Müller bringt die physische und digitale Welt zusammen und macht dadurch eine neue Art der Interaktion möglich. Ein Gespräch über den digitalen Wandel, den Mehrwert für die Menschen und die Gründungsgeschichte des Softwareanbieters Scandit.

Inwiefern hat die Pandemie unseren Umgang mit Digitalität verändert und die Digitalisierung vorangetrieben?

Die Pandemie hat wie ein Katalysator auf die Digitalisierung gewirkt und uns in ganz verschiedenen Bereichen herausgefordert. Während des Lockdowns letztes Jahr haben viele Leute zum ersten Mal in ihrem Leben eine Online-Bestellung getätigt. Frühere Bedenken zum Beispiel zur Sicherheit der Online-Kreditkartenzahlung stellten sich plötzlich nicht mehr. Die Vertrauensbildung kommt über die Nutzung und darum glaube ich, dass dieser Trend uns erhalten bleiben wird. 

Gesamtökonomisch betrachtet waren Handel und Logistik stark gefordert. Die Händler mussten einerseits ein sicheres, kontaktlimitiertes Einkaufserlebnis in den physischen Läden anbieten und zugleich den E-Commerce-Kanal auf der anderen Seite bereitstellen oder deutlich verbessern, insbesondere im Blick auf genügend Lieferkapazitäten. Jetzt sind das Vertrauen und die Erfahrung mit dem Online-Handel und die damit verbundene Convenience der Nahtlosigkeit und Verfügbarkeit da. Viele Konsumentinnen und Konsumenten wollen darauf nicht mehr verzichten. Darum treibt aktuell viele Firmen die Frage um, wie sie ihre Produkte und Angebote langfristig anreichern, um die gewünschten Services anzubieten.

Ein anderes Beispiel sind Self-Scanning und Self-Checkout. Im Lebensmittelhandel hat das personalisierte Einkaufserlebnis mit den Scan-Geräten oder über eine mobile App auf dem eigenen Smartphone in den letzten Jahren Fuss gefasst. Während der Pandemie sind die Nutzungszahlen stark gestiegen. Einerseits wollten die Kunden nicht mit vielen Menschen in der Schlange stehen, andererseits wollten sie nicht ein physisches Gerät anfassen, das schon andere Personen in der Hand hatten. Die Pandemie hat damit die Fokussierung auf das eigene Smartphone und seine Nutzungsmöglichkeiten verstärkt.

Beflügelt die zunehmende Digitalisierung das Geschäft Ihres Unternehmens Scandit? 

Ja, natürlich. Wir sind sehr stark im Brennpunkt dieser Fragestellungen. Auf der einen Seite haben wir die Scan-and-Go-Angebote, bei denen unsere Lösungen sehr stark nachgefragt wurden. Auf der anderen Seite erkennen die Händler, dass sie ihre Mitarbeitenden in der Filiale oder im Aussendienst mit mobilen Geräten oder entsprechenden Apps ausrüsten müssen, damit sie dem Kunden einen Schritt voraus sind, zum Beispiel mit Zugang zu Inventurdaten, damit sie wissen, in welcher Filiale ein Produkt an Lager ist, ob es lieferbar ist, was der Stand der Bestellung ist und so weiter.

In diesem Zug sind «Bring Your Own Device»-Strategien stark im Kommen und Ausdruck von stetiger Flexibilisierung. Letzte-Meile-Anbieter sind oft gezwungen, sehr schnell Kapazität auf- oder abzufahren – zum Beispiel, wenn zu Weihnachtszeit plötzlich dreimal so viele Pakete verteilt werden sollen. In der Vergangenheit musste man allen Mitarbeitenden teure physische Geräte kaufen. Heute ist es durch unsere Technologien möglich, dass man ihnen nur noch eine mobile App bereitstellt, die sie auf ihrem eigenen Smartphone nutzen können. Die Kostenbasis für digitale Services wird damit ganz anders gewertet.

Erzählen Sie uns Ihre Gründungsgeschichte.

Den Grundstein für die Firmengründung haben verschiedene Forschungsarbeiten zwischen der ETH Zürich und dem MIT in Boston gelegt, die im grossen Kontext von Internet of Things und Ubiquitous Computing geführt wurden. Ähnlich wie man das Internet geschafften hat, das einem ermöglicht auf beliebige Informationen zu Sachen zuzugreifen, hat man die wissenschaftliche Fragestellung damals umgekehrt und gefragt, wie kann man auf beliebige Dinge zugreifen und Informationen über sie abrufen? Um den Dialog mit dem Produkt zu ermöglichen, gab es zwei Ansätze: Erstens den Trend über RFID Radio Frequency Identification, also Funktechnologie zwischen einem Chip auf dem Produkt und einem Lesegerät auf der anderen Seite. Sie können sich vorstellen, dass das eine sehr teure, komplexe Technologie gewesen wäre. Zweitens über Bilderkennung durch die damals so genannten Cameraphones. Es war damals schon klar, dass die Gerätepalette immer breiter und die Kamera der universale Sensor von immer smarteren Telefonen werden würde. Und so haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, den Kameras zu helfen zu verstehen, was sie sehen, und haben Scandit gegründet.  

Anfangs haben wir uns stark auf den Barcode konzentriert, der praktisch auf allen Produkten des Handels bereits drauf ist. Ein Barcode ist wie eine IP-Adresse, die ihr Produkt identifiziert. Wenn die Barcodes nun über alle möglichen Handys und Apps nur mit der Kamera lesbar werden, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten wie zum Beispiel Preisvergleichsanwendungen oder Scan-and-Go-Anwendungen – Apps, die uns als Konsumenten in eine bessere Position versetzen, weil wir während des Shopping-Prozesses sehr einfach zusätzliche Informationen beziehen können.

Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass diese Technologie auch den Unternehmen hilft, die ihren Mitarbeitenden auf Smartphonebasis flexible und benutzerfreundliche Lösungen bieten können, bei denen sich die Mitarbeitenden freuen, die Technologie anzuwenden und nicht alte schwere Geräte eingesetzt werden müssen. So hat sich das entwickelt, immer mit derselben Vision: Universelle Interaktionen mit der Welt möglich machen durch die Kamera verschiedener Geräte. Und wir liefern die Softwarelösung dazu. 

Haben Sie Ihre Vision erreicht oder hat diese inzwischen geändert? 

Die Vision ist sehr gleich geblieben über die Zeit. Die Probleme, die wir mit unserem Produkt lösen, sind sehr komplex, und es gibt Teile unserer Vision, etwa bei der generischen Objekterkennung, die wir noch lange nicht gelöst haben. In anderen Bereichen sind wir der klare globale Marktführer und sind sehr allein gestellt in unseren Fähigkeiten, die es z.B. möglich machen, beliebige Smartphones einzusetzen, um den operativen Prozess zu unterstützten und QR-Codes zu scannen, Text einzulesen und Nummern zu erkennen.

Sie wurden von der Bilanz zum «Digital Shaper 2020» ernannt. Was fasziniert Sie an der digitalen Welt?

Im Unterschied zur physischen Welt bringt die digitale Welt weder Reibung noch Schwerkraft mit sich und birgt dadurch enormes Potenzial, das fasziniert mich. Ich muss nicht reisen, um wo hinzugehen. Ich kann mich jederzeit und überall mit einer ausgewählten Gruppe Menschen unterhalten. 

In Bezug auf unsere Arbeit bei Scandit ist es die Symbiose zwischen physischer Welt und digitaler Welt, die uns Menschen einen grossen Mehrwert liefert. Wenn ich beispielsweise als Konsument oder Konsumentin im Laden eine Kaufentscheidung treffe und dieselben Informationen zur Verfügung habe, die ich in der E-Commerce-Experience heute schon gewöhnt bin, seien es Ratings, Reviews oder Anwendungsvideos, habe ich einen klaren Vorteil. Scandit macht eine neue Art der Interaktion mit der Welt möglich.

Die UZH hat mit dem Innovation Hub 2017 ein Gefäss geschaffen, welches Start-ups und Spin-offs aus dem UZH-Umfeld unterstützt. Was kann die UZH jungen Firmengründer:innen mit auf den Weg geben?

Die Universität Zürich bearbeitet viele spannende Forschungsthemen. Die Frage ist nun, wie bringt man die Forschung in die Wirtschaft? Der Innovation Hub kann ein Ökosystem schaffen, wo Studierende und Forschende Rollenbilder sehen, die es für sie einfacher machen, den Schritt ins Unternehmertum zu wagen, statt eine klassische Corporate-Karriere einzuschlagen. 

Die Unterstützung durch Knowhow und die Verknüpfung mit anderen erfolgreichen oder schon weiterentwickelten Firmen ist in der Gründungsphase essenziell. Es braucht meistens sehr viel, bis eine ursprünglich spannende Technologie so weit entwickelt ist, dass man sie am Markt zur Kundenvalidierung verwenden kann. Da reden wir oft über mehrere Jahre Blut, Schweiss und Tränen. Ein universitäres Umfeld kann hier sehr gut mitgestalten. Allgemein gibt es in der Schweiz zahlreiche, gute Angebote für angehende Unternehmer:innen.

Konnten Sie selbst bei der Firmengründung etwas von der UZH nutzen? Zum Beispiel Ihr Netzwerk? 

Klar. Mitgründer Christof Roduner und ich haben uns an der Uni kennengelernt. Wir haben damals sehr viel gearbeitet, haben uns aber an verschiedenen Veranstaltungen, Vorlesungen und nicht zuletzt an der Diplomfeier immer wieder getroffen. Allerdings haben wir uns dann v.a. während unserer Doktoratszeit an der ETH sehr eng und intensiv ausgetauscht. Trotzdem, hätten wir uns damals an der UZH nicht kennengelernt, gäbe es Scandit heute womöglich nicht.

Sie sind Mitglied bei UZH Alumni Informatik und im UZH Alumni Chapter Entrepreneurs, weshalb?

Es ist wichtig, dass das Netzwerk in einem sinnvollen Mass erhalten bleibt. Es ist nicht immer einfach, sich die nötige Zeit dafür zu nehmen. Aber es war mir immer ein Anliegen, hier verbunden zu bleiben. Man hört, was läuft und wenn relevante Themen aufkommen, ist man in der Lage einen Bezug herzustellen.


Samuel Müller
Studienabschlüsse:
Dipl. Informatik UZH 2004, lic. oec. publ. (VWL) UZH 2006, Dr. sc. ETH 2009
Tätigkeit: Mitgründer & CEO von Scandit AG 
Gründungsjahr: 2009
Mitgründer: Christian Floerkemeier, Christof Roduner (UZH-Alumnus)
Anzahl Mitarbeitende: über 300
Produkt: Softwarelösung für Barcode-Scanning, Texterkennung, Objekterkennung und Augmented Reality auf jedem mit Kamera ausgestatteten Smart-Gerät.
www.scandit.com/de


Anna-Julia Lingg, UZH Alumni

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