Rückblick Ethik-Höck, Prof. Dr. Philipp Hübl, Präsentation und Kurzbericht

Bericht Ethik-Höck vom 8. April 2021: «Moralische Identität und rationales Denken»
Präsentation von Prof. Dr. Philipp Hübl

Unsere Identität ist im Kern moralisch und diese moralische Identität kann uns vom rationalen Denken abhalten. Die duale Theorie «schnelles Denken – langsames Denken» muss durch «langsames nicht-ideologisches Denken» ergänzt werden, um zu rationalen Schlüssen zu kommen. Ohne Reflexion unserer moralischen Identität reagieren und antworten wir bei kognitiver Dissonanz (nach Festinger) durch «Motivated Cognition»: Wir schützen unsere Identität durch Denkfehler, Selbsttäuschung und wir produzieren Fake News.

Prof. Dr. Philipp Hübl, unser Gast am Ethik-Höck vom 8. April 2021, präsentiert seine Überlegungen zur moralischen Identität natürlich nicht in der verkürzten Form obiger Zusammenfassung. Seine Herleitung basiert auf den Erkenntnissen von Stanowich und Kahnemann, welche grundlegende Erkenntnisse zu unserm (rationalen) Denken und Entscheiden publiziert haben. Unser schnelles, automatisches Denken im System 1 führt oft zu Fehlschlüssen, unterliegt Bestätigungsirrtümern etc. Für rationale Entscheide ist das System 2, das langsame, aufmerksame, vernunftmässige Denken zwar notwendig, jedoch nicht hinreichend.  

Philipp Hübl betont, dass die Theorien von Stanowich und Kahnemann nicht helfen, Phänomene wie Fake-News oder irrationale Urteile zu erklären. Hier brauche es einen dritten Schritt.

Der Schocker sei durch Untersuchungen von Kahan et. al (2017) gekommen.  Kahan et. al. hätten gezeigt, dass wir Menschen zwar in vielen Fällen rational entscheiden könnten und z.B. Daten wissenschaftlicher Studien richtig interpretierten. Wenn es aber darum gehe, Daten zu Fragen mit moralischen Werten zu interpretieren, würden wir häufig völlig falsche Urteile fällen. Ideologisches, interessengeleitetes Denken (moral cognition) dominiere.

Philipp Hübl erwähnt als Beispiel aus den Untersuchungen von Kahan et. al. die Interpretation von Daten zum Waffentragen und deren Zusammenhang zur Kriminalität. Das Urteil auch «rational» denkender Menschen ist nicht abhängig von den präsentierten Zahlen, sondern von den moralischen Werten und Vorstellungen. Ein weiteres Beispiel betrifft die Interpretation von Daten zur Wirkung der Todesstrafe.

Warum ist das so?
Um diese «moral cognition» zu verstehen, macht unser Gast einen kleinen Exkurs in die Moraltheorie, genauer in das CAD-Modell aus der Moralpsychologie nach Rozin (1999) und Haidt (2012). In dieser CAD-Hypothese (contempt, anger, disgust) geht es um drei moralische Prinzipien, welche weltweit für viele Menschen leitend für ihre moralischen Urteile sind: 
1.    Bei «ethics of autonomy» steht die Freiheit und Unversehrtheit im Vordergrund. 
2.    Bei «ethics of community» geht es darum, Schaden an der Gemeinschaft zu vermeiden und auf Loyalität zu achten und mit 
3.    «ethics of divinity» wird Schaden an der heiligen Tradition vermieden und die Reinheit hochgehalten. 

Die drei Prinzipien sind für die Menschen unterschiedlich wichtig. In westlichen Demokratien steht z.B. die Autonomie bei Vielen hoch im Kurs. In einer Kultur mit starker Betonung der Gemeinschaft werden hingegen Loyalitätsverletzungen stark geahndet. Das Verbrennen der Landesfahne wird z.B. in den USA als sehr verletzend (3. Prinzip: Tradition, Reinheit) beurteilt. Wie aber helfen diese Prinzipien für die Erklärung des interessengeleiteten Denkens?

Wann bin ich noch mich selbst?
Philipp Hübl fragt: «Angenommen, Jim hat einen Kopfunfall? Wann würden wir sagen: Das ist nicht mehr Jim? In welchem Fall hat er sein wahres Selbst verloren?».
Untersuchungen der experimentellen Psychologie zeigen, dass die meisten Charakterzüge zu etwa 30-40% als bedeutend für das Selbst gesehen werden. Klar am wichtigsten ist jedoch die Moral mit ca. 60% (vgl. Präsentation p8). Wir Menschen sehen unsere Moral als das, was uns wirklich ausmacht, als das was unsere Identität wesentlich bestimmt. 

Identitätsschützende Denkfehler
Im Beispiel mit der Frage, ob Rinder Empfindungen haben (vgl. Ankündigungstext) und in all den anderen Fällen, in denen Fakten unserer moralischen Identität widersprechen, versuchen wir die «kognitive Dissonanz» zu vermeiden. Wir wollen unsere Identität schützen und machen deshalb oft identitätsschützende Denkfehler. Philipp Hübl: «Wir wollen uns als ehrliche Menschen sehen und auch als ehrbar gegenüber anderen erscheinen. Deshalb müssen wir die Welt umdeuten.»

Auf Basis dieser Überlegungen formuliert Philipp Hübl seine zu Beginn des Berichts erwähnten Thesen zur moralischen Identität: 
Unsere Identität ist im Kern moralisch und diese moralische Identität kann uns vom rationalen Denken abhalten. 

Welche Meinung hat meine Gruppe?
Unser Gast betont, dass der Identitätsschutz nicht nur bei jedem Einzelnen, sondern auch bei Gruppen entscheidend sei. Das Primäre sei für die Gruppe die Gruppenidentität bzw. die Gruppenmoral und ihre Kompetenz. Motivated cognition dominiere und nicht das wissenschaftliche Denken oder die Fakten. Als Beispiel nennt Philipp Hübl den Klimawandel, welcher für Anhänger der republikanischen Partei der USA in erster Linie ein linkes Thema und nicht eine menschengemachte Bedrohung sei.  Auch Progressive seien nicht immun gegen motivated cognition, z.B. wenn sie bestritten, dass Mietpreisbindung (z.B. in Berlin) zu Wohnungsknappheit führe. Zusammengefasst könne man sagen: «Identitätsschutz der Gruppenmoral macht irrational.»

Fake News und Verschwörungstheorien dienen dem Identitätsschutz
Der Identitätsschutz ist auch bei anderen Erscheinungen zentral. Die Verletzung bzw. die Verhinderung der Verletzung der moralischen Identität stellt, wie Philipp Hübl darlegt, eine wichtige Ursache für Phänomene wie Fake News und Verschwörungstheorien (vgl. Präsentation p10-15) dar. Bei Fake News ist das Thema «das Fremde als Bedrohung», z.B.:  Einwanderung, Islam, Backlash gegen progressiven Wandel, Globalisierung. Im Falle von Verschwörungstheorien ist das moralische Thema «Macht liegt in falschen Händen». 

Naheliegend ist demzufolge der Schluss, dass neben dem schnellen Denken und dem langsamen Denken zusätzlich langsames nicht-ideologisches Denken notwendig ist oder wie es Philipp Hübl in seinem Fazit darlegt:
«Keine Rationalität ohne Reflexion der eigenen moralischen Identität»

Einige Aspekte aus der Diskussion
Ein Alumnus erinnert daran, dass vor 50 Jahren, als er Psychologie studiert habe, gerade der Wechsel von einer mehr geisteswissenschaftlichen, z.T. «literarischen» Psychologie zu experimenteller bzw. empirischer Psychologie stattgefunden habe. Er frage sich, inwieweit ähnliche Schritte auch in der Philosophie bzw. Ethik stattfinden würden. 
Philipp Hübl antwortet, dass er vor 20 Jahren in seiner Doktorarbeit über Handlungstheorie auf Grenzen gestossen sei und die Empirie anderer Wissenschaften einbezogen habe. Wenn man mit Neurowissenschaftlern, Psychologinnen und Soziologen spreche, könne man sich manchmal fragen, welche Rolle die Philosophie habe. Eine wichtige Aufgabe sei zweifellos die Begriffsarbeit, denn man treffe nicht selten auf Texte, in denen auf derselben Seite z.B. für verschiedene Arten von Bewusstsein, derselbe Begriff verwendet werde und umgekehrt, dass für das gleiche Phänomen unterschiedliche Begriffe zur Anwendung kämen. Allgemein könne man sagen, dass insbesondere im angelsächsischen Raum eine neue Strömung «empirical philosophy» als Trend erkennbar sei. Eine Fragestellung könne beispielsweise lauten, welche Begriffsintentionen Laien im Vergleich zu Philosophen hätten. Die Vorstellungen könnten sich deutlich unterscheiden.

«Langsames Denken mit Reflexion meiner moralischen Identität gefällt mir als 3. Schritt gut. Aber, wie stark ist unser Verhalten, unser Denken überhaupt beeinflussbar?» Diese Frage eines Alumnus ist nicht leicht zu beantworten. Philipp Hübl erwähnt als Beispiel den australischen Philosophen Peter Singer, welcher in einer aktuellen Studie gezeigt hat, dass Ethikunterricht zu Tierrechten dazu führt, dass Studenten danach 50 Prozent weniger Fleisch essen. Allgemein müsse man jedoch einräumen, dass das Arbeiten an der eigenen moralischen Identität schwer sei. Veränderungen passierten nicht einfach so. 

Das Problem von Gruppendruck und damit verbunden der mögliche Ausschluss und der Verlust der Zugehörigkeit sieht ein Alumnus als zentralen Aspekt für die Gruppenidentität. Philipp Hübl ergänzt: «Wenn ich mich als Gruppenmitglied äussere, so sage ich auch immer etwas über mich selbst und ich stelle mich selbst dar». Typisch seien z.B. Kreationisten, die für ihren Identitätsschutz ihre Vorstellungen verteidigen müssten. Exemplarisch sähe man solche Gruppeneffekte in Schweigespiralen (Elisabeth Noelle-Neumann), wenn sich Menschen erst getrauen, öffentlich ihre abweichende Meinung zu äussern, wenn das Meinungsklima dies dann auch wirklich zulasse. Beispielsweise seien bei Covid 19 zu Beginn im Jahre 2020 die abweichenden Meinungen vorerst gar nicht gross geäussert worden. 

Philipp Hübl erwähnt im Zusammenhang mit Gruppenzugehörigkeit auch die Phänomene im politischen Spektrum der USA: Für konservative, stark evangelikale Gläubige auf der einen und für progressive Activists auf der anderen, linken Seite gelte ein starker Gruppendruck mit viel Zwang.

Abschliessend werden noch Fragen zu möglichen Massnahmen (Policies) und Möglichkeiten sowie zu den Ursachen diskutiert. Ein Alumnus erwähnt eine Erkenntnis aus den USA: Als es darum ging, die Gesundheit von jungen Menschen zu verbessen und Programme für gesunderes Essen einzuführen, musste die Politik überzeugt werden. Die gesundheitlichen Schäden und ähnliche Probleme wirkten wohl als Argument für Progressive. Konservative liess dies aber mehrheitlich kalt. Als jedoch dargelegt wurde, dass die jungen Rekruten keine 100 Yards mehr richtig rennen könnten und fürs Militär untauglich waren, wurden auch Konservative überzeugt. 
Unser Gast erwähnt in diesem Zusammenhang Jonathan Haidt, der diese Phänomene analysiert habe. Entscheidend für die Durchsetzung und den Erfolg von Massnahmen sei, dass man erkenne, welche «taste-buds» man ansprechen bzw. drücken müsse. Im Umweltschutz bzw. beim Klimawandel seien wohl für viele Menschen die Schäden und die Gefahren im Vordergrund, für andere jedoch liege der Schlüssel bzw. das Argument im Ausdruck «Schöpfung bewahren» bzw. «Gottes Werk nicht zerstören». 

Durch geeignetes «Framing» liessen sich oft die passenden moralischen Rezeptoren aktivieren und täuschen. 
Die grundlegende Frage nach den Ursachen stellt ein Alumnus am Schluss: «Woher kommt unser Verhalten und warum beobachten wir ähnliche Phänomene in praktisch allen Ländern?»
Philipp Hübl betont, dass hierfür biologische (genetisch-epigenetisch) Einflüsse als mögliche Erklärung gesehen würden. Bei Persönlichkeitseigenschaften wie z.B. Offenheit oder Gewissenhaftigkeit gehe man von einem genetischen Anteil von ca. 50% aus (genauer: die Varianz in den beobachteten bzw. bestimmten Werten geht nur etwa zur Hälfte auf Umwelteinflüsse zurück). Durch die Umgebung (Erziehung, Peers, spezielle Ereignisse) würden diese Einflüsse verstärkt oder geschwächt. Die Änderung sei aber nicht pauschal und nur in Grenzen möglich, denn allgemein seien Persönlichkeitseigenschaften über das ganze Leben weitgehend konstant. Menschen mit Eigenschaften starker Offenheit würden eher zu progressiven und Menschen mit starker Gewissenhaftigkeit eher zu konservativen Ansichten neigen. Legendär sei die Untersuchung an Vorschulkindern in Kalifornien. Dort habe man bei den Kindern Persönlichkeitstests durchgeführt und 30 Jahre später die politische Haltung überprüft. Die überzeugende Voraussage an Hand der Persönlichkeitstest deute darauf hin, dass die «Grundrichtung» schon früh angelegt, wenn auch nicht einfach determiniert sei.


25.4.21, Fritz Fuchs



Disclaimer: Die Notizen basieren auf dem gesprochenen Wort (teilweise Schweizer-Dialekt in der Diskussion) und zwar so, wie ich die Aussagen verstanden und interpretiert habe. Korrektheit ist nicht garantiert, obwohl ich die beste Absicht hierfür habe. Vollständigkeit ist aus Platzgründen nicht möglich und Ausgewogenheit strebe ich zumindest teilweise an. Zudem unterscheide ich nicht immer klar, was reine Information (der Dozierenden) war bzw. was sich aus der Diskussion ergab oder Interpretation ist. Schliesslich nehme ich mir die Freiheit heraus, zum (hoffentlich) besseren Verständnis bei einigen Punkten Ergänzungen anzubringen.
In der Regel wird der Rückblick der Ethik-Höcks von ca. zwei Teilnehmern und gelegentlich von der Dozentin gegengelesen. So erhalte ich wertvolle Anregungen und Hinweise, die ich einbauen kann. Die Verantwortung für Fehler, Unklarheiten, etc. liegt aber ganz bei mir. 

2017 Kahan et al. Motivated numeracy and enlightened self-government, Behavioural Public Policy 1(01):54-86 DOI:10.1017/bpp.2016.2 oder https://sci-hub.se/10.1017/bpp.2016.2 


2020 Schwitzgebel, Cokelet, Singer, Do ethics classes influence student behavior? Case study: Teaching the ethics of eating meat, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S001002772030216X

Der Link führt zum Abstract. Für den vollen Artikel kann man via https://sci-hub.se weiterkommen: DOI beim Abstract eingeben.

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