«Zusätzliche Mittel schaffen einen kompetitiven Vorteil» UZH-Rektor Michael Schaepman

15 Apr 2021

Vor einem Jahr hat die UZH ihre Ehemaligen um Spenden für dringliche Pandemieforschungsprojekte gebeten – mit grossem Erfolg: Die UZH Foundation schätzt, dass rund CHF 200’000 direkt von Alumni und Alumnae einbezahlt worden sind. Zusätzlich hat die Ehemaligenorganisation UZH Alumni mit ihren Mitgliedern CHF 175'000 zugunsten des Pandemiefonds und der Pandemienothilfe für Studierende der UZH gespendet. Weshalb ist eine öffentliche Universität auf diese Spenden angewiesen? Wir haben bei UZH-Rektor Michael Schaepman nachgefragt.

Im April 2020 hat die UZH mit einer öffentlichen Spendenkampagne ihre Ehemaligen aufgerufen, die Pandemieforschung mittels finanzieller Unterstützung voranzutreiben. Weshalb braucht eine öffentliche Universität private Fördermittel?

Die öffentlichen Mittel, die wir kompetitiv einwerben, reichen oft nicht aus, um alle Forschungsbedürfnisse der UZH abzudecken. Im Moment nimmt die Drittmittelfinanzierung an der UZH zu. Durch zunehmende Regularien wird die Forschung selbst auch teurer. Insbesondere im Bereich der Medizin haben wir heute sehr viele Compliance-Anforderungen. Diese Regularien sind richtig und wichtig, haben aber zur Folge, dass der Fortschritt in der Forschung heute in bestimmten Fächern überproportional viel mehr Geld kostet als früher. Darum sind wir auf zusätzliche, externe Drittmittel angewiesen.

Die Pandemieforschung war und ist von hoher Dringlichkeit und bot Anlass zu einem grossen Spendenaufruf, wie ihn die UZH noch nie gemacht hat. Werden künftige Kampagnen von der gewonnenen Aufmerksamkeit profitieren?

Während der Pandemie haben alle gesehen, dass zusätzliche Mittel in der Forschung tatsächlich einen kompetitiven Vorteil schaffen. Wenn wir verfolgen, wie die Entwicklung von Impfstoffen fortgeschritten ist, dann sind diejenigen Forschenden, die Zugang zu experimenteller Forschung hatten, schneller vorangekommen als andere. Wir sind natürlich sehr dankbar, dass die Spenderinnen und Spender so kurzfristig eingesprungen sind. Ob die technische Einwerbung der Mittel über Crowdfunding läuft, über unsere Alumni oder über andere Kanäle, ist dabei weniger wichtig.

Wichtig aber ist für uns, dass insbesondere die Beiträge unserer Alumni und Alumnae bestimmten Projekten zugeordnet werden und sie transparent nachvollziehen können, was wir mit ihrem gespendeten Geld machen. Nur so werden die Ehemaligen die UZH weiterhin mit Stolz fördern wollen. Aus verschiedenen Rückmeldungen kann ich schliessen, dass jene, die uns unterstützten, eine stärkere emotionale und inhaltliche Bindung an die Universität gewonnen haben. Das finde ich persönlich ein sehr wichtiges Ergebnis dieser Aktion, neben dem Vorteil der grosszügigen Zuwendungen.

Wie oft man eine Spendenkampagne durchführen kann, hängt auch von ihrem jeweiligen Inhalt ab. Es gibt Themen, die sehr spendenaffin sind, so dass sich viele Leute daran beteiligen möchten. Für die Zukunft könnten wir uns auch überlegen, ob wir einmal die Alumni selbst befragen, welche Themen aus einer bestimmten Auswahl sie am spannendsten finden und gerne fördern würden.

Bleiben Freiheit von Forschung und Lehre gewährleistet, wenn Drittmittel im grossen Stil eingeworben werden?

Also «Drittmittel im grossen Stil»…: das klingt immer nach sehr viel Geld. Die UZH hat einen Jahresumsatz von CHF 1’490 Mio., davon sind ungefähr CHF 20 Mio. Zuwendungen von Dritten. Es ist also ein angemessener und wichtiger Teil des gesamten Umsatzes. In den Annahmebedingungen solcher Zuwendungen ist der erste Punkt immer die Gewährleistung der Unabhängigkeit der Forschung. Das kann manchmal eine Gratwanderung sein, weil Geldgeber selber oft ein gewisses Förderziel im Kopf haben. Wir prüfen bei jeder Zuwendung, ob sie die Unabhängigkeit der Forschung tangiert oder nicht. Diese Prüfung beinhaltet insbesondere die Tatsache, ob wir publizieren dürfen, was wir wollen.

Die UZH wird von Firmen und Stiftungen unterstützt. Können einzelne Alumni-Spenden überhaupt etwas bewegen?

Selbstverständlich spielt jeder gespendete Franken eine Rolle. Im Ganzen ist es doch ein beachtlicher Betrag, der zusammengekommen ist. Wir sind zudem äusserst darauf bedacht, dass jeder Franken seinem Bestimmungszweck zukommt. 

Bei unseren Ehemaligen geht es aber auch darum, dass wir den Kontakt mit ihnen halten wollen. Denn wenn Alumni und Alumnae unsere Forschung ermöglichen und darüber reden, können das auch Dritte und Vierte erfahren und sich für unsere Aktivitäten begeistern lassen. Wir stellen uns eine Art Schneeballeffekt vor. Unsere Alumni tragen als Botschafterinnen und Botschafter ihrer Universität deren Forschung in die Welt hinaus und proklamieren: «Ich habe ein super Forschungsprojekt an der Universität Zürich unterstützt.» Unsere Verantwortung ist, dass die Zuwendung zweckgerecht eingesetzt wird, das Forschungsprojekt umgesetzt werden kann und die Resultate die entsprechende mediale Aufmerksamkeit bekommen, so dass sich die Alumni und viele weitere interessierte Personen damit identifizieren können.

 

Das Gespräch wurde im Dezember 2020 geführt.
Anna-Julia Lingg


Andere Neuigkeiten