Fokus Nachhaltigkeit: Erleichtert die Digitalisierung einen nachhaltigen Lebensstil? UZH-Professor Lorenz Hilty

10 Dez 2020

Die Welt ist geprägt von Ungleichheit, sowohl innerhalb der Länder als auch zwischen diesen. Ungleichheit zu verringern, aber dies nicht auf Kosten zukünftiger Generationen, ist die zentrale Herausforderung nachhaltiger Entwicklung. Informatik-Professor Lorenz Hilty erforscht, was die Digitalisierung dazu beitragen kann. 

Lorenz Hilty, Professor für Informatik und Nachhaltigkeitsforschung an der UZH

Die Sicherung der Grundbedürfnisse für alle Menschen ist die grösste Herausforderung unserer Zeit: Der Bedarf an natürlichen Ressourcen muss insgesamt stark abnehmen, während die Weltbevölkerung gleichzeitig weiter zunimmt. Es bleibt uns keine andere Wahl, als uns dieser Herausforderung zu stellen. 

Digitale Technologien können wesentliche Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten, wenn wir sie zielgerichtet einsetzen. Aus der Perspektive des Einzelnen betrachtet, schaffen sie zunächst mehr Optionsvielfalt: Wir können im Homeoffice arbeiten oder uns in den Pendlerstrom begeben, wir können ein gedrucktes oder ein elektronisches Buch lesen, online oder in lokalen Läden einkaufen, zu einer Konferenz fliegen oder virtuell teilnehmen. Durch die Wahl, wie wir unsere Zeit verbringen, beeinflussen wir sehr stark die Auswirkungen unseres Handelns – beispielsweise auf das Klima. 

Eine Stunde Autofahren mit 30 km/h verursacht etwa die gleichen Emissionen wie die Produktion von drei gedruckten Büchern. Die Zeit im Flugzeug entspricht ebenfalls drei Büchern – aber pro Minute. Ein Tag Videostreaming entspricht einer Flugminute. Ob wir Texte auf Papier oder auf einem Display lesen, ob wir Konsumgüter liefern lassen oder einkaufen gehen, macht dagegen keinen entscheidenden Unterschied, die Auswirkungen hängen hier stark von weiteren Parametern wie Transportmittel und Verpackung, aber auch von der Lebensdauer der digitalen Geräte ab. 

Auch die vielfältigen neuen Mechanismen der Ressourcenallokation, die in der Sharing Economy entstehen und die in meiner Gruppe aktuell untersucht werden, müssen differenziert betrachtet werden: Nur wenn sie zu dauerhaft tragfähigen und gerechten Lösungen beitragen, sind sie nachhaltig.  

Lorenz Hilty, Professor für Informatik und Nachhaltigkeitsforschung an der UZH



Drei Fragen an Lorenz Hilty

Die Corona-Krise hat in vielen Unternehmen und auch an der UZH einen Digitalisierungsschub gebracht mit Videokonferenzen statt Meetings, Homeoffice statt pendeln. Ist dieses erzwungene Umdisponieren eine Chance für mehr Nachhaltigkeit auch in Zukunft?

Auf jeden Fall. Wir haben dadurch einige Praktiken der virtuellen Kooperation eingeübt, die es uns auch in Zukunft erlauben werden, Reisen zu vermeiden.  

In welchem Bereich besteht das grösste Potenzial für mehr Nachhaltigkeit?

In Zukunft werden wir die Wiedergewinnung von Rohstoffen aus Abfall mit digitalen Technologien verbessern müssen. Lernende Recyclingroboter werden immer dann aktiv sein, wenn gerade viel elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen zur Verfügung steht.

Was tun Sie persönlich?

Ich bin immer sehr sparsam geflogen, habe seit 2017 kein Flugzeug mehr betreten. Ich hatte nie einen Führerschein und esse nur noch selten Fleisch oder Fisch.


 

Text: Anna-Julia Lingg
Foto: Meinrad Schade


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