Ethik-Höck mit Dr. Anna Deplazes: «Die Rolle des Menschen in der Natur»

«Der Mensch muss seinen Einfluss auf die nicht-menschliche Natur moralisch reflektieren und rechtfertigen.»

Dies ist die zentrale Konklusion des Ansatzes für eine Umweltethik von Dr. Anna Deplazes, unserem Gast am Online-Ethik-Höck vom 24. November 2020. Die Natur wird «relational» bzw. «perspektivisch» verstanden. Anna Deplazes zeigt in ihrer Präsentation auf, dass die klassischen Vorstellungen der Umweltethik zu Problemen führen, welche sie versucht, mit ihrem relationalen Ansatz des Naturverständnisses zu überwinden. Der Mensch besitzt demzufolge verschiedene Rollen, die kontextsensitiv gerechtfertigt und auf Basis unterschiedlicher Plichten und Tugenden reflektiert werden können, ohne dass intrinsische Werte vorausgesetzt werden müssen.

Anna Deplazes erläutert zu Beginn des Ethik-Höcks, dass wir uns auf die ethischen Fragen ihres Forschungsprojekts fokussieren wollen. Das Forschungsprojekt «People's Place in Nature» beinhalte daneben auch «experimentelle» Vorgehensweisen. Beispielsweise würde ihre Kollegin Mollie Chapman auch Interviews durchführen mit Landwirten, um deren Verhältnis mit der Natur besser zu verstehen.

Anthropozentrismus, Biozentrismus, intrinsische Werte
Der «klassische» Ansatz in der Umweltethik fragt nach dem moralischen Status der verschiedenen Entitäten (z.B. Menschen, Tiere, Pflanzen, Ökosysteme). Einige Alumni erinnern sich zweifellos an die Umfrage des verstorbenen Professors Markus Huppenbauer zu Beginn und am Schluss des Umweltethik-Moduls des ASAE -Studiums. Zu Beginn stützten recht viele ASAE-Studierende die Position, dass alle Lebewesen einen moralischen Status (Biozentrismus) hätten und am Schluss des Moduls wechselten dann nicht wenige zu einer mehr anthropozentrischen Haltung. Wie Anna Deplazes darlegt, ergäben sich jedoch bei allen Positionen eine Reihe von Fragen und Problemen. So würden dabei wichtige Themen und Kontexte nur ungenügend oder schlecht berücksichtigt, beispielsweise die Landwirtschaft, der Tourismus oder allgemein der Konflikt Mensch – Natur. Auch das «Zuordnen» eines intrinsischen Wertes zur Natur «helfe» letztlich nur denjenigen, welche die dahinterstehende Metaphysik annehmen könnten. Denn man müsse in diesem Falle irgendwie begründen, woher die Werte stammten und diese könnten zudem sehr unterschiedlich interpretiert werden.

Unterschied Vogelnest - Auto
Für Diskussionen der Umweltethik ist der Begriff der Natur zentral: Gehört der Mensch dazu oder nicht? Einige Alumni werfen sofort ein, der Mensch gehöre zur Natur und habe keine Sonderstellung. Andererseits ist für uns alle offensichtlich, dass wir Menschen gleichwohl permanent Unterschiede machen. Anna zeigt in ihrer Präsentation (Mitglieder vom UZH Alumni Chapter Applied Ethics können diese hier im Login-Bereich herunterladen) auf, wie die verschiedenen Ansichten und Positionen integriert werden können.

Der (scheinbare) Widerspruch zeige sich z.B. darin, dass ein Vogel als Produkt ein Vogelnest erzeugen könne und ein Mensch ein Auto, dass wir aber nur letzteres als Artefakt bezeichnen würden. Entscheidend sei dabei die Perspektive. Natur sei für uns primär etwas, das ohne uns entstanden sei. Es sei etwas, das wir nicht entworfen und geschaffen hätten. Im Gegensatz dazu sei ein Artefakt etwas, das wir entworfen und geschaffen hätten. Da dies für das Auto zutreffe aber nicht für das Vogelnest, sei letzteres für uns Menschen kein Artefakt. Anna Deplazes: «Trotzdem kann man Mensch und Natur nicht einfach trennen: Wir Menschen sind als Produkt der Natur Teil der passiven Natur und gleichzeitig als Handelnde ein Gegenstück zur ‘aktiven Natur’».

Relationaler Ansatz des Naturverständnisses
Die neue und zentrale Idee von Anna ist der relationale Ansatz, welcher versucht den scheinbaren Widerspruch zu überbrücken. Damit können alltägliche Argumente und Begründungen einbezogen und all die unterschiedlichen Aspekte integriert werden. Basis ist, dass wir uns als «moral Agents» sehen und demzufolge moralische Verantwortung für unser Handeln tragen. Dies ist deshalb wichtig, weil wir auf Grund unserer Fähigkeiten (z.B. Rationalität, Intentionalität, Kreativität) einen tiefgreifenden Einfluss auf die Natur haben können.

Auf diesen Überlegungen beruhen die Prämissen, welche die Brücke vom Beschreibenden zum Normativen bilden. Damit kann der Sein-Sollens-Fehlschluss umgangen werden (vgl. Folie 15).

Die Konklusion: «Als Moral-Agent muss der Mensch seinen Einfluss auf die nichtmenschliche Natur, welche parallel zum Menschen und nicht durch den Menschen entstanden ist, moralisch reflektieren und rechtfertigen. Diese moralische Forderung ergibt sich aus der Beziehung mit der Natur und nicht aus objektiven intrinsischen Werten in der Natur. Eine relationale (nicht physiozentrische) Begründung er nicht-sozialen Umweltethik.»

Anna Deplazes räumt ein, dass man ihre Prämissen natürlich hinterfragen darf und muss.

Rollen des Menschen
Für uns Menschen ergeben sich aus der Vorschrift (dem «Sollen») verschiedene Rollen im Umgang mit der Natur, wie z.B. die des Meisters, der Managerin, dem Partner, der Hüterin, der Teilnehmerin und dem externen Betrachter. Anna betont die Bedeutung des Kontextes für diese Rollen. Der Mensch habe moralische Pflichten sowohl gegenüber der Natur als auch gegenüber der Gesellschaft und für die moralischen Begründungen seien allgemein Pflichten als auch umweltethische Tugenden wesentlich. Anna Deplazes legt auch hier Wert auf die Aussage, dass ihre Überlegungen noch provisorisch seien und sie diese gerne zur Diskussion stelle.

Sie betont ihre Hoffnung, dass wir mit diesem relationalen Ansatz Umweltthemen umfassend diskutieren und klären können, ohne auf rein metaphysisch basierende intrinsische Werte zurückgreifen zu müssen.

In der Diskussion mit den Alumni kommen vor allem Fragen zu den Rollen von uns Menschen auf.

Ein Alumnus macht auf die in Debatten über die Umwelt häufig festzustellende positive Wertung der Natur aufmerksam: «Die Natur ist moralisch positiv aufgeladen. Sehr oft ist die Natur jedoch 'böse' und schädlich.» Anna Deplazes sieht genau aus diesen Gründen für den Menschen auch die Rolle des Meisters und Managers vor. Der Mensch dürfe und müsse eingreifen, um Schäden zu verhindern. Man denke beispielsweise an die Bekämpfung des Corona-Virus.

Dass immer auch ein Abwägen und der Einbezug sowohl von Pflichten als auch von umweltethischen Tugenden notwendig sei, erwähnt Anna Deplazes auf die Frage eines Alumnus zur geplanten Erhöhung der Grimselstaumauer. Dort wäre ein Flachmoor betroffen. Hier müsse der beurteilende Mensch verschiedene der vorgeschlagenen Rollen kontextsensitiv einnehmen können.

Die Rolle des Nutzers wird von einer Alumna betont: Die Frage stelle sich, ob diese Rolle nicht speziell hervorgehoben werden sollte. Anna Deplazes sieht bei allen sechs vorgeschlagenen Rollen (vgl. Folie 17) auch den Nutzer eingeschlossen. Allerdings sei zu prüfen, ob nicht doch dieser Aspekt separat dargestellt werden sollte.

Verpflichtung zur Kuh ist anders als zum Elefanten
«Hat es in dem relationalen Ansatz auch Platz für nichtmenschliche Individuen?», fragt eine Alumna mit Blick auf die Regeln, welche an unsere Beziehung gekoppelt sind. Anna Deplazes bemerkt dazu, dass im Verhältnis mit der Natur natürlich auch Beziehungen mit individuellen Elementen der Natur enthalten seien. Auch hier müsse man die unterschiedlichen Beziehungen und Rollen berücksichtigen. Zudem sieht Anna Deplazes auch vor, dass man «otherness» (Forschungsschwerpunkt ihrer Kollegin Anna Wienhues) in der Natur berücksichtigen müsse, das heisst, dass man nicht alle Organismen wie Menschen behandeln sollte, sondern auf ihre Besonderheiten eingehen müsse. Inwieweit man da allerdings auch Insekten oder Pflanzen einbeziehe, sei zu diskutieren. Die unterschiedlichen Beziehungen und Rollen zeigten sich z.B. auch bei Nutztieren im Vergleich zu Tieren in der Wildnis. Bei Nutztieren hätten wir sicher eine besondere Verpflichtung, Leiden und Schmerzen zu vermeiden, denn diese Tiere hätten wir Menschen in die Welt «gestellt». Das sei klar anders bei z.B. einem Elefanten der frei in der Savanne lebe und dort möglicherweise aus «natürlichen» Gründen leiden müsse.

Unsere moralische Verpflichtung gegenüber Nutztieren ist anders als gegenüber Tieren in der Wildnis.
Bilder: Dietmar Rabich, Kuh im Bündnerland; Oliver Wright, African Bush Elephant Mikumi

Anna Deplazes betont abschliessend, ihr Ansatz beziehe sich klar auf die westliche Tradition und westliches Selbstverständnis. Als Ziel ihres Vorgehens sieht sie Kohärenz und Konsistenz, gerade weil die Umwelt-Ethik auf einem kontextsensitiven und pluralistischen Ansatz beruht: «Es muss 'aufgehen', d.h. Widersprüche müssen bereinigt werden.» Damit wolle sie aber nicht umweltpolitische Forderungen aufstellen. Wenn es um konkrete Entscheide gehe, führe in Ihren Augen nur ein partizipatives Vorgehen zum Ziel.


Dr. Anna Deplazes Zemp ist Senior Researcher am Philosophischen Seminar der Universität Zürich. Sie leitet das Projekt «People's Place in Nature» (NOMIS Foundation, UFSP Global Change and Biodiversity). Ihre Hauptarbeitsgebiete sind Umweltethik, Gerechtigkeit für genetische Ressourcen, Ethik der Biotechnologie und Forschungsethik.



Fritz Fuchs, UZH Alumni Chapter Applied Ethics

Disclaimer: Die Notizen basieren auf dem gesprochenen Wort (teilweise Schweizer-Dialekt in der Diskussion) und zwar so, wie ich die Aussagen verstanden und interpretiert habe. Korrektheit ist nicht garantiert, obwohl ich die beste Absicht hierfür habe. Vollständigkeit ist aus Platzgründen nicht möglich und Ausgewogenheit strebe ich zumindest teilweise an. Zudem unterscheide ich nicht immer klar, was reine Information (der Dozierenden) war bzw. was sich aus der Diskussion ergab oder Interpretation ist. Schliesslich nehme ich mir die Freiheit heraus, zum (hoffentlich) besseren Verständnis bei einigen Punkten Ergänzungen anzubringen.

In der Regel wird der Rückblick der Ethik-Höcks von ca. zwei Teilnehmenden und gelegentlich von der Dozentin gegengelesen. So erhalte ich wertvolle Anregungen und Hinweise, die ich einbauen kann. Die Verantwortung für Fehler, Unklarheiten, etc. liegt aber ganz bei mir.

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