Fokus Nachhaltigkeit: UZH-Alumnus Raphael Studer

17 Nov 2020

«Absolventinnen und Absolventen der UZH sind in der Regel hungrige, junge und intelligente Leute. Ich möchte sie inspirieren, einen unkonventionellen Weg zu gehen.» UZH-Alumnus und Mitgründer der Kaffeehandel-Plattform Algrano AG im Gespräch.



Mit Algrano bieten Sie Kaffeeproduzenten über eine Online-Handelsplattform direkten Zugang zu globalen Märkten. Wie ist die Idee entstanden?

Die Idee war ursprünglich eine Datenplattform zu erstellen, die aufzeigt, woher der Kaffee stammt, da die Konsumentinnen und Konsumenten zunehmend auf transparente Supply-Chains achten. Der Anstoss zur Online-Handelsplattform kam von den Kaffeeproduzenten während Workshops selbst: Sie wollten direkt an Röster verkaufen. Die Digitalisierung ist in den Kaffee produzierenden Ländern längst angekommen. Kaffeebauern haben Smartphones und sind online. Darauf bauen wir bei Algrano auf. Wir bringen Kaffeepflanzer aus aller Welt und Röstereien aus ganz Europa zusammen. Angefangen haben wir mit kleinen Röstereien, die Stories suchen.


Wo liegen die Vorteile?

Im traditionellen Rohkaffeeeinkauf kaufen Röster Kaffees von Händlern aus den Lagerhäusern in Europa. Über Algrano wählen die Röster im Ursprung aus, definieren die Qualität des Kaffees, lernen den Produzenten der Bohne kennen und kontrollieren die Abläufe in der Lieferkette bis in die Rösterei. Es entsteht die erste völlig transparente Lieferkette: Preise, Herkunft und Qualität sind für alle Akteure jederzeit einsehbar. Für Kaffeeproduzenten ergeben sich dadurch ganz neue Perspektiven. Sie erzielen einen höheren Preis für ihren Kaffee, wenn sie ihn direkt an die Rösterei und nicht erst an einen Zwischenhändler verkaufen. Im 2020 haben die Kaffeeproduzenten auf Algrano über CHF 2m mehr für ihre Bohnen erhalten als auf dem internen Markt. Was aber für viele Kaffeebauern noch wichtiger ist: Sie wissen zum ersten Mal wer ihren Kaffee röstet und erhalten dafür Wertschätzung. Durch den Direktverkauf knüpfen sie persönliche Kontakte zu den Röstereien. Über die Zeit bauen sie sich in Europa ihren eigenen Brand auf. Sie differenzieren sich vom Massenmarkt und werden zu Unternehmern. So hat beispielsweise Alessandro Hervaz, einer der ersten Produzenten aus Brasilien auf der Plattform, den Weg vom Kaffeepflanzer zum Unternehmer geschafft. Heute pflückt er nicht mehr nur Kaffee, sondern er verkauft ihn selbstständig an über 15 Röstereien in Europa und exportiert den Kaffee selber.  


Lässt sich mit einer nachhaltigen Idee Geld verdienen?

Algrano hat zum Ziel Kaffeeproduzenten erfolgreich zu machen. Wenn die Produzenten es sind, ist es Algrano auch. Wir verbinden ein skalierbares Business Modell mit sozialem Impact. Wir verlangen für unsere einzigartige Dienstleistung Geld und weisen diese Entlöhnung transparent allen Akteuren auf der Plattform aus.  


Wie kann die UZH soziales Unternehmertum fördern?

Es ist mir ein Anliegen, dass die UZH ihren Studierenden aufzeigt, dass es Alternativen zum traditionellen Karrierepfad gibt. Mut zum Unternehmertum oder Stellen in spannenden UZH-Spin-offs sollten vermittelt werden. Die UZH könnte eine Jobfair oder ein online Portal für Startup-Stellen umsetzen. Absolventinnen und Absolventen sind junge und intelligente Leute. Für eine Karriere wichtiger als das Einstiegssalär ist, dass die hungrigen Jungen lernen können und sich über Jobrollen hinaus entwickeln dürfen. In einem Startup erhält man sehr schnell viel Verantwortung und mit Verantwortung kommen automatisch Exposure und Netzwerk. Wächst die junge Firma, wachsen auch die Markteinsteiger viel schneller als in etablierten Hierarchien. Ich möchte die UZH und ihre Absolventinnen und Absolventen inspirieren, einen unkonventionellen Weg zu gehen.


Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit bezieht sich für mich nicht nur auf die Ressourcen der Natur, sondern auch auf Mensch und Gesellschaft. Es ist eine Verantwortung allen Menschen gegenüber. Algrano handelt nicht nur mit ökologisch zertifizierten Kaffees, die besonders naturschonend angepflanzt wurden. Für uns steht der Mensch im Vordergrund. Wir bauen ein nachhaltiges Handelsmodell auf, das Informationsasymmetrien im Markt aufhebt. Sobald die Produzenten den positiven Impact dieses Modells auf dem verfügbaren Einkommen spüren, können sie die unternehmerische Entscheidung treffen sich durch ökologische Anbauweisen weiter zu differenzieren. 


War für Sie schon immer klar, dass Sie mit Ihrer Arbeit etwas auf der Welt bewegen möchten?

Das müsste der Anspruch von jedem von uns sein, beruflich wie privat. Bei sich selber zu beginnen, Marktmechanismen, soziale Normen oder Routinen zu hinterfragen, ist kräfteaufreibend. Das zeigt sich in verschiedenen Facetten in unserer Gesellschaft sei es Geschlechtergleichstellung, Rassismus oder Naturschutz. Als Vater kann ich meinem Kind in der Erziehung Werte vermitteln. Jede und jeder einzelne von uns sollte im privaten Alltag mehr Verantwortung übernehmen. Aber einen Grossteil meines Lebens werde ich mit Arbeiten verbringen. Mein Anspruch an mich selber ist, dass diese Arbeit ein Teil positiver Veränderung ist.  

 


Raphael Studer
Studienabschluss:
Dr. oec. UZH in VWL, 2013
Firma: Algrano AG
Gründungsjahr: 2015
Position: Mitgründer und Geschäftsleiter bei Algrano AG
Mitgründer: Christian Burri und Gilles Brunner
Anzahl Mitarbeitende: 26
Produkt: Digitale Kaffeehandel-Plattform
www.algrano.com


 

Bild: Meinrad Schade
Text: Anna-Julia Lingg

 


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