Fokus Nachhaltigkeit: UZH-Alumna Anik Kohli

10 Nov 2020

«Das Thema Nachhaltigkeit sollte ein fester Bestandteil jedes Grundstudiums an der UZH sein.» UZH-Alumna Anik Kohli, Projektleiterin bei INFRAS und Senior Analyst bei Inrate, im Gespräch.

Bei Inrate befassen Sie sich mit Nachhaltigkeitsratings von Finanzdienstleistern. Wie kann man Nachhaltigkeit messen?

Es gibt verschiedene Rating Agenturen, die unterschiedliche Methoden anwenden. Bei Inrate verwenden wir nur öffentlich zugängliche Informationen wie etwa Geschäftsberichte, Nachhaltigkeitsberichte, Medienberichte, Feedbacks von NGOs und Website-Informationen. Weiter kommt es sehr darauf an, was man anschaut. Bei der Analyse von Unternehmen bewerten wir einerseits Ziele, Strategie und Management, aber – im Gegensatz zu vielen andere Agenturen – auch die Produkte und Dienstleistungen inklusive der vorgelagerten und nachgelagerten Stufen. 


Wie werden diese Ratings eingesetzt?

Unsere Daten helfen zum Beispiel Pensionskassen, die ihre Gelder nachhaltig anlegen möchten, oder Banken, die einen nachhaltigen Fonds aus Aktien und Obligationen zusammenstellen wollen. Danach entscheiden sie selbst, welche Anlagestrategien sie anwenden, das heisst ob sie beispielsweise überall die Klassenbesten nehmen wollen oder die Titel einen Minimumwert erfüllen müssen. 


Bei INFRAS arbeiten Sie im Geschäftsfeld Umwelt, Klima und Energie. Was machen Sie da konkret? 

Ich berate vor allem die öffentliche Hand, also Bund, Kantone und Städte oder auch Ministerien anderer Länder und internationale Organisationen. So schreiben wir zum Beispiel regelmässig mit am Monitoring-Bericht des Statistischen Amts der Europäischen Union Eurostat zum Stand der SDGs (Sustainable Development Goals) in der EU. Für die schwedische Regierung haben wir kürzlich die neuen Marktmechanismen des Pariser Klimaabkommens untersucht. Dabei geht es darum, welche Emissionsreduktionen ein Land aus dem Ausland einkaufen kann, um seine Klimaziele zu erreichen. Die Resultate haben wir in einer Arbeit für die schwedische Regierung festgehalten und in einem Webinar mit 170 Teilnehmenden vorgestellt. Letztes Jahr haben wir die Evaluation zur Schweizer Strategie für nachhaltige Entwicklung erstellt, die alle vier Jahre Massnahmen für den Bund festhält. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich. In der Regel arbeiten wir an sechs bis zehn Projekten. Je nach Projekt stellen wir grössere oder kleinere interdisziplinäre Teams zusammen, wobei ich vor allem das Politologische einbringe.


Was erwarten Sie von der UZH in Sachen Nachhaltigkeit?

Zum einen erwarte ich natürlich, dass sich die Universität Zürich als Grossbetrieb entsprechende Nachhaltigkeitsziele setzt. Mindestens so wichtig ist aber, was in der Lehre geschieht. Dass man zum Beispiel im Finance Studium nicht nur in einem Freifach etwas zu nachhaltigen Investitionen hört. Das Thema Nachhaltigkeit sollte ein fester Bestandteil jedes Grundstudiums an der UZH sein und nicht erst im Master gestreift werden. 


Sie waren für das Bundesamt für Umwelt tätig und als Mitglied der Schweizer Delegation an UNO-Konferenzen dabei. Wollten Sie mit Ihrer Arbeit schon immer etwas in der Welt bewegen?

Beim BAFU habe ich für den Schweizer Umweltbotschafter gearbeitet. Ich war zuständig für das UNO-Umweltprogramm und UNO-Prozesse für nachhaltige Entwicklung. Ich habe für meine Dossiers Vorschläge für die Schweizer Position formuliert und als Mitglied der Schweizer Delegation an den entsprechenden UNO-Konferenzen in die Verhandlungen eingebracht. So durfte ich beispielsweise die Schweiz in den SDG-Verhandlungen in New York vertreten. Nach dem Studium war ich erstmal froh, dass ein Job da war. Aber es war natürlich schön zu sehen, dass man etwas macht, wohinter man stehen kann und hoffentlich einen positiven Impact hat.


Was kann jeder selbst zu mehr Nachhaltigkeit beitragen?

Ich möchte versuchen so zu leben, dass ich die Freiheiten von anderen nicht einschränke, auch nicht die Freiheiten zukünftiger Generationen. Deshalb achte ich beispielsweise beim Einkauf auf regionale, saisonale Produkte, greife eher zu Bio und Fairtrade und unternehme keine Wochenendtrips nach London. Man muss sich nicht völlig einschränken, aber in allem ein Mass finden. Oft wird gesagt, dass man dies für die Umwelt machen soll. Aber letztendlich geht es darum, die Welt so zu gestalten, dass wir Menschen darauf leben können. Wenn man sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzt, macht man eigentlich etwas für sich selbst und für die Gesellschaft. Die Welt wird es auch nach den Menschen noch geben, die Umwelt wird sich regenerieren.


Welche Bedeutung hat die UZH für Sie heute?

Inzwischen ist die UZH für mich vor allem ein Ort, wo Austausch stattfindet, zum Beispiel an Konferenzen zu interessanten Themen oder Besprechungen für Projekte mit Professorinnen und Professoren. Die UZH liefert wichtige wissenschaftliche Publikationen, auf die wir für Projekte zurückgreifen.


Sie sind Mitglied bei UZH Alumni, im Women’s Chapter und bei UZH Alumni Politikwissenschaft. Weshalb?

Es interessiert mich immer noch, was läuft. In der Schweiz könnte man ausländische Alumni-Aktivitäten zum Vorbild nehmen. UZH Alumni Politikwissenschaft repräsentiert mein Hauptfach, sie organisieren spannende Veranstaltungen und ich kenne einige Personen aus dem Vorstand. UZH Alumni steht eher allgemein als Verbindung zur UZH und beim Women’s Chapter fand ich die Idee interessant, mich interdisziplinär mit anderen Frauen zu vernetzen. 

 


Anik Kohli
Studienrichtung/-abschluss:
MA UZH in Politik-, Wirtschafts- und Umweltwissenschaften, 2010; LL.M in internationalem Umweltrecht der Universität Edinburgh, 2016
Tätigkeit: Projektleiterin bei INFRAS und Senior Analyst bei Inrate
Werdegang: Mitgründerin der Model United Nations an der UZH, Mitgründerin des foraus Forum Aussenpolitik, fünf Jahre beim Bundesamt für Umwelt, Delegationsmitglied für SDG-Verhandlungen, aktuell bei INFRAS und für Inrate tätig
www.infras.ch 


 

Bild: Meinrad Schade
Text: Anna-Julia Lingg


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