Fokus Nachhaltigkeit: UZH-Alumna Gabi Hildesheimer

08 Okt 2020

«Eine positive Vision und ehrgeizige Ziele wirken erstaunlich gut.» Ein Gespräch mit UZH-Alumna Gabi Hildesheimer, Fachexpertin in Nachhaltigkeit und Verhaltensökonomie.

Sie haben an der UZH Biologie studiert. Hat Ihnen die Natur schon immer viel bedeutet?
Ja, ich fand es als Kind super, dass ich zum Muttertag in der Wiese nebenan die schönsten Sträusse pflücken konnte, und dass sich Heuschrecken, Wildbienen, Frösche und Eidechsen darin tummelten.

Weshalb engagieren Sie sich für eine nachhaltige Entwicklung?
Ich mag Vielfalt auf dem Tisch, in der Landschaft, bei den Menschen. Vielfältige Systeme sind sehr oft auch resiliente Systeme. Der Trend ging in den letzten Jahrzehnten eher in Richtung Vereinheitlichung. Doch ist eine vielfältige Welt in der Regel auch eine nachhaltige Welt. Es macht mich zufrieden, wenn ich durch mein Konsumverhalten, meine Kochrezepte, die Wahl der Feriendestination und des Transportmittels oder meine Arbeitsschwerpunkte zum Erhalt der Vielfalt beitragen kann. 

Wie kann eine nachhaltige Entwicklung gefördert werden?
Die Menschen meinen noch zu oft, dass Nachhaltigkeit mit Verlust zu tun hat. Wenn sie jedoch offen auf die Welt schauen, dann erkennen sie, dass sehr vieles, was sie bereichert, im Kern nachhaltig ist. Im Projekt storiesforfuture.ch erzählen wir ganz unterschiedliche Geschichten von Menschen, Organisationen und Projekten. Es sind Geschichten vom Stolz, etwas erreicht zu haben, von Kompetenz und Kreativität, Beziehungen und Erlebnissen. Das Gesamtbild ist eindrücklich: Es gibt ein gutes Leben und eine funktionierende Wirtschaft in einer gesunden Welt. 

Welche Impulse und Anreizsysteme braucht es?
Jahrelang habe ich gepredigt: Wenn Preise die ökologische Wahrheit sagen, wird Umweltzerstörung ökonomisch unattraktiv. Staatsquotenneutrale Lenkungsabgaben oder zweckgebundene Umweltabgaben können wichtige Signale geben und die Verursacher zur Kasse bitten. Aber die Ausgestaltung solcher Systeme ist heikel. Es gibt immer auch unfaire Effekte, die sogar kontraproduktive Wirkung erzeugen können. Was in der Theorie gut funktioniert, ist in der Praxis bisher kaum umsetzbar. Meine langjährige Arbeit mit Führungspersonen hat mir gezeigt, dass auch im Unternehmen nicht nur der Homo oeconomicus regiert. Eine positive Vision, ehrgeizige Ziele und Erfolge, die man mit Stolz nach aussen tragen kann, wirken erstaunlich gut. Viele von uns sind gerade dabei zu entdecken, dass Nachhaltigkeit auch Gewinne bringt. Diese Entwicklung fördern wir im Projekt storiesforfuture.ch.

Was erwarten Sie von der UZH in Sachen Nachhaltigkeit?
Ich war über ein Jahrzehnt Mitglied des Fachhochschulrates des Kantons Zürich und habe mein Bestes getan, den Hochschulen ihre Chancen in einer grossen Transformation aufzuzeigen. Auch die UZH kann entscheidend beitragen, den Weg in die postfossile Welt positiv zu gestalten. Leider schöpft noch kaum eine dieser Institutionen ihr Potenzial mit Überzeugung aus. Was gibt es denn Schöneres, als eine positive Vision erfolgreich umzusetzen? Wer hat denn bessere Voraussetzungen voranzugehen als Hochschulen, die alle denkbaren Kompetenzen und Erfahrungen unter ihren Dächern versammeln? Ich bin daher zuversichtlich, dass sehr bald Lehre und Forschung in der ganzen Breite zukunftsfähig ausgerichtet sein werden und ein von Ideen sprudelndes Labor entsteht.      
 


Gabi Hildesheimer
Studienrichtung/-abschluss:
dipl. phil II UZH in Biologie, 1985
Tätigkeit: Fachexpertin in Nachhaltigkeit & Verhaltensökonomie
Werdegang: 16 Jahre Geschäftsleiterin beim Verband für nachhaltiges Wirtschaften ÖBU, Verwaltungsrätin in nachhaltigen Unternehmen, Delegationsmitglied an UNO-Konferenzen, Mitgründerin Tsuku GmbH und Mitinitiantin von www.storiesforfuture.ch.
 


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