Gespräch mit Armin Rieser und David Nauer über Veränderungen in Georgien, Russland und Belarus

29 Sep 2020

Zum ersten Mal haben wir in unserem Chapter Slavisches Seminar am Donnerstag, 24. September 2020, einen Zoom-Anlass durchgeführt. Die Gäste waren zwei Mitglieder, die von Berufes wegen nicht in der Schweiz wohnen und daher selten oder nie an unseren physischen Treffen teilnehmen können: Armin Rieser, Botschaftsrat der Schweizer Botschaft in Tbilissi, und David Nauer, SRF Korrespondent in Moskau. 


 

Von links nach rechts: Markus Wyler, Armin Rieser, Nadja Römer und David Nauer


Zuerst hat Armin Rieser von seiner Arbeit als Botschaftsrat in der georgischen Hauptstadt erzählt. Er ist zuständig für die menschliche Sicherheit für den Südkaukasus. Dabei machte er deutlich, wie heikel die Balance ist, zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Minderheiten zu vermitteln und dabei gleichzeitig nicht den Eindruck zu erwecken, dass man sich in die inneren Angelegenheiten des Gastlandes einzumischen versucht. Er hatte schon früh in anderen Konfliktgebieten Erfahrung gesammelt (angefangen in Jugoslawien in den 90er Jahren, als er für NGO's arbeitete) und später seine Dienste dem EDA zur Verfügung gestellt. Während des Gesprächs beantwortete er auch Fragen aus der Zuhörerschaft, unter anderem die nach seinen Georgisch-Kenntnissen. Seine Aussage, dass er sich beim Georgisch-Lernen erstmals so richtig die Zähne ausgebissen hat, rief bei vielen ein Schmunzeln hervor. Kein Wunder, gilt Georgisch doch als äusserst alte und komplizierte Sprache, deren Aussprache eine richtige Knacknuss darstellt.

David Nauer erzählte anschliessend von seinen Russland-Erfahrungen während der vergangenen 20 Jahre, während derer er regelmässig ins Land reiste und zweimal sogar in Moskau Wohnsitz nahm. Die Entwicklung Russlands stellte er anhand seiner Eindrücke vom Städtchen Wladimir sehr eindrücklich dar: 1999 herrschte nach schwierigen Jahren eine triste Stimmung, das Städtchen war grau und es gab praktisch nur zwei Brotsorten: schwarz oder weiss – für den Schweizer ein Kulturschock. Zehn Jahre später traf er junge Leute von damals, die nun verheiratet waren, eine Tochter hatten und es ganz offensichtlich wirtschaftlich geschafft hatten: sie kauften ihre Kleider in einem teuren Ladenkomplex und nicht mehr auf dem Markt und nahmen einen Kredit auf um in die Ferien zu fahren. Das Stadtzentrum war neu und modern umgebaut worden. Nochmals ein knappes Jahrzehnt später war wiederum alles anders: die Ehe war zerbrochen wegen der Alkoholsucht des Ehemannes. Die Frau hatte die Tochter in eine neue Beziehung mitgenommen und kam nur dank des Einkommens ihres neuen Freundes über die Runden. Selber musste sie ihre Kleider wieder auf dem Markt kaufen. Im Stadtzentrum hingegen waren die ganz alten Stadtteile nun aber historisch renoviert worden.

Auch hier stellten die Zuhörerinnen und Zuhörer Fragen: zur LGBTQ-Gemeinde und deren Situation, zu den Chancen auf einen richtigen Wandel in Belarus, zur Covid-Situation und vielem mehr.

Beide Referenten haben unabhängig voneinander betont, wie progressiv – und im Falle Georgiens nach Westen (USA, EU) gerichtet – die Haltung der jungen Bevölkerungsschicht ist und wie schnell eine vernetzte Welt sich verändert.

Für die Zuhörerinnen und Zuhörer ergab sich ein sehr lebendiger und spannender Einblick in die Arbeit und das Leben der beiden Alumni.

Vielen Dank Armin und David – und bis zum nächsten Mal!

Zveti, Markus und Nadja

Links:
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