Ehrung für eine Pionierin

13 Jul 2020

Nadeschda Suslowa war die erste Doktorin der Universität Zürich und der Schweiz – und damit eine Wegbereiterin des Frauenstudiums. Eine neue Gedenktafel im Hauptgebäude soll an sie erinnern.

Christiane Löwe, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Diversität, enthüllt die Gedenktafel für Nadeschda Suslowa. (Bild: Frank Brüderli)

Die Russin Nadeschda Suslowa promovierte im Dezember 1867 als erste Frau an der Universität Zürich. Die Doktorwürde für eine Frau war damals einzigartig, nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. In einer feierlichen Zeremonie wurde gestern der Pionierin an der UZH gedacht, eine Gedenktafel soll an sie erinnern. Christiane Löwe, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Diversität, enthüllte die Gedenktafel, die im E-Stock des Hauptgebäudes einen prominenten Platz bekommen hat. 

UZH in der Vorreiterrolle
Die Universität Zürich war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die zweite europäische Universität nach der Sorbonne in Paris, die Frauen zum Studium zuliess. Eine solche Vorreiterrolle sollte die UZH heute auch wieder anstreben, mahnte Löwe in ihrer Ansprache. Insbesondere müsste der Anteil der Professorinnen erhöht werden, dieser liege aktuell bei lediglich 24.1. Prozent. «Dies gilt es zu ändern», so Löwe.

Nada Boškovska, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der UZH, würdigte in ihrem Vortrag Nadeschda Suslowa im historischen Zusammenhang. Als junge Frau sei Suslowa von der Reformära unter Zar Alexander II. geprägt worden, die das geistige Leben in Russland beförderte. Suslova habe einer Generation von jungen Leuten angehört, die das autokratische System ablehnten und neue Werte und neue Ziele suchten. «Sie wollten sinnvolle, nützliche Arbeit leisten und vor allem dem einfachen Volk beistehen. Suslowa wollte als Ärztin Menschen helfen und zeigen, dass Frauen zu den gleichen intellektuellen Leistungen fähig sind wie Männer.» Das in einer Zeit, in der Frauen wenig Rechte hatten.

Wegbereiterin des Frauenstudiums
Trotz der Reformen, die der Zar auch in der Mädchenausbildung durchsetzte, war es aber in Russland wie im ganzen übrigen Europa nicht möglich, dass Frauen studierten. Mit der Aufnahme von Nadeschda Suslowa an die Universität Zürich änderte sich dies. «Sie war mit ihrer Immatrikulation und Promotion die Wegbereiterin des Frauenstudiums und der ärztlichen Tätigkeit von Frauen in Europa. Die Universität Zürich und die anderen Schweizer Hochschulen, die Zürich in der Zulassung von Frauen bald folgten – mit Ausnahme Basels –, wurden in der Folge zu Hochburgen des Frauenstudiums», sagte Boškovska.

Nach ihrem Studium kehrte Suslowa nach Russland zurück und wurde dort als erste Ärztin des Zarenreiches zugelassen. In St. Petersburg eröffnete sie eine erfolgreiche Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Später arbeitete sie als Ärztin auf der Krim. Sie gründete eine Dorfschule, ein Gymnasium und ein Sanatorium im Kaukasus.

Man könne die Entschlossenheit und den Mut dieser jungen Frauen, die als Pionierinnen das Studium in Zürich aufnahmen nicht genug bewundern. Diese Frauen kamen vor allem aus Russland, bald aber auch aus England, den USA und Deutschland an die Universität Zürich. Sie stellten sich gegen alle Konventionen ihrer Zeit und gingen damit grosse Risiken ein, sagte Boškovska abschliessend.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in UZH News.


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