UZH-Alumna: lic. oec. publ. Marianne Fassbind, Wirtschaftsjournalistin und Beraterin

Jun 18, 2019

Persönlichkeiten blicken auf ihre Studienzeit an der UZH zurück. Diesmal Marianne Fassbind, die nach langer TV-Tätigkeit nun als selbständige Beraterin arbeitet. 

UBS-VR-Präsident Marcel Ospel hatte schon glücklichere Tage gesehen als den 1. April 2008, als die grösste Schweizer Bank einen Reinverlust von rund zwölf Milliarden Franken bekannt gab. Am Abend stand Ospel der «Tagesschau»-Redaktorin Marianne Fassbind Rede und Antwort. «Er entschuldigte sich für den weiteren grossen Abschreiber», erinnert sich Fassbind, «und versicherte, das sei der letzte gewesen.» Fassbind wies darauf hin, dass er das Gleiche schon zuvor versprochen habe. Die Bank war durch die Finanzkrise arg ins Trudeln geraten und musste schliesslich von Bund und Nationalbank gerettet werden. Der einst «Mächtigste Banker der Welt», wie ihn die «Bilanz» bezeichnete, wurde genötigt zurückzutreten. 

Hektisch und spannend 
Das Ospel-Interview gehört für Marianne Fassbind zu den Schlüsselmomenten in ihrer Karriere als Wirtschaftsjournalistin. «Es war hektisch und spannend», sagt sie rückblickend. Ihr Wissen als Wirtschaftsexpertin war gefragt. Und als «Tagesschau»-Journalistin standen ihr alle Türen offen: «Wenn man ein Interview haben wollte, bekam man es auch.» 

Heute arbeitet sie gewissermassen auf der Gegenseite: Statt Wirtschaftsbosse in die Mangel zu nehmen, berät sie seit 2016 als Partnerin in der Kommunikationsberatungsfirma Dynamics Group Unternehmen. Ihr Know-how als ehemalige Journalistin ist dabei ausgesprochen nützlich: «Ich weiss, welche Storys die Journalisten interessieren.» Das hilft zum Beispiel bei der Positionierung eines Unternehmens, das potenzielle Investoren und die Medien auf sich aufmerksam machen will. Partnerin zu sein, bedeutet einerseits, im Unternehmen mitreden zu können – so müssen neue Mandate von allen Partnern gutgeheissen werden; andererseits muss sie ihre Kunden selbst anwerben. «Ich bin meine eigene Chefin, und das gefällt mir», sagt Fassbind. 

Aufgewachsen ist Marianne Fassbind in Hergiswil im Kanton Nidwalden. Ihre Herkunft ist ihr wichtig. Zu den ersten Dingen, die sie erzählt, gehört, dass der Stammbaum der Familie sich bis 1321 zurückverfolgen lässt – nach Arth im Kanton Schwyz. Oder dass von einem Zweig der Familie die Fassbind-Kirschbrennerei und die Fassbind-Hotelgruppe betrieben werden. 

Sie selbst stammt aus einer Engelberger Hotelierfamilie, ihr Grossvater baute 1903 das Hotel Terrace, das heute noch als wuchtiger Jugendstilbau am Hang ob Engelberg thront. Ihr Vater heiratete eine Französin und zog nach Paris, kehrte dann allerdings wieder nach Nidwalden zurück, weil ihr älterer Bruder an Asthma litt und die Luft in der Hauptstadt nicht vertrug. So wuchs Marianne Fassbind als jüngstes von drei Geschwistern am Vierwaldstättersee auf. Zu Engelberg hat sie bis heute eine enge Beziehung: Bis vor Kurzem vertrat sie ihre Familie im Verwaltungsrat der Bergbahnen Engelberg-Titlis; wann immer möglich, fährt sie Ski. 

Zu den Dingen, die Marianne Fassbind nie ausstehen konnte, gehören Hierarchien. Die straffen Hierarchien vertrieben sie seinerzeit aus der Bank Vontobel, wo sie nach dem Wirtschaftsstudium an der UZH zuerst als Analystin und später als Kundenberaterin arbeitete. Danach wechselte sie zur Wirtschaftszeitung «Cash», wo sie 1994 ohne journalistische Erfahrung angestellt wurde: «Ich hatte wenig Ahnung vom Schreiben.» Dafür verstand sie die Börse – als Analystin bei Vontobel hatte sie jeweils die Börsenberichte für die NZZ verfasst. Und sie kannte die Bankerszene von innen. 

Das ist es! 
«Das ist es! dachte ich, als ich zum ersten Mal in einer Redaktionssitzung sass», erzählt Fassbind. «Da wurde, wenn man die nächste Ausgabe plante, auf Augenhöhe diskutiert.» Bei «Cash» lernte sie auch ihren Mann Markus Gisler kennen, der damals Chefredaktor war. Für «Cash-TV» kommentierte Marianne Fassbind das Wirtschaftsgeschehen. Das Schweizer Fernsehen wurde auf sie aufmerksam, 2004 wechselte sie zur «Tagesschau», nachdem sie gewissermassen als Zwischenspiel während vier Jahren als Stadträtin und Finanzvorsteherin der Stadt Rapperswil geamtet hatte (für die FDP), notabene neben einem 40-Prozent-Pensum bei «Cash» und der Verantwortung für zwei kleine Kinder. «Wir haben jongliert», sagt sie rückblickend, «irgendwie ging das.» 

Heute sind die Kinder gross, und Marianne Fassbind geniesst die Unabhängigkeit: «Ich kann meine Zeit frei einteilen und strategisch arbeiten.» Beides stimmt für sie. Zurzeit ist sie dabei, eine Pensionskasse auf Vordermann zu bringen und andere Pensionskassen in Sachen Kommunikation zu beraten. «Wichtig ist für mich, dass ich hinter der Sache stehen kann.» PR für E-Zigaretten etwa würde Sie nie machen. «Ich fühle mich sehr privilegiert», sagt Marianne Fassbind zum Abschluss, «und morgen gehe ich Ski fahren.» 
 

Zuerst erschienen in UZH Journal, 2/2019, Text: Thomas Gull


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