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  • Prof. Dr. Martin Meyer, «Von Tigern und Bettvorlegern; die Wahrheit über das männliche und das weibliche Gehirn»

    Sep 09, 2014


    Ein gut gefüllter Hörsaal mit mehr als 50 Teilnehmerinnen.

    «Männer und Frauen sind so unterschiedlich, weil ihre Gehirne anders ticken». Aussagen wie diese liest man immer wieder in Zeitschriften oder populärwissenschaftlichen Büchern. Doch wenn man die Angelegenheit genauer betrachtet, stellt man zweierlei fest. Erstens entpuppen sich diese Platitüden oftmals als Vereinfachung hoffnungslos überinterpretierter und teilweise verfälschter Resultate wissenschaftlicher Studien und zweitens empfiehlt es sich schon genauer hinzuschauen, wenn vom Gehirn die Rede ist. Das Gehirn des Menschen ist die komplexeste Struktur im Universum. Es kann in jedem Moment eine Trillion verschiedener Zustände einnehmen. Vergleicht man Gehirne unterschiedlicher Gruppen miteinander (etwa Männer gegen Frauen), ist es daher wahrscheinlich, dass man immer mindestens einen Unterschied findet. Doch nicht immer ergeben diese Unterschiede einen Sinn. Zudem muss man diese Studien sehr sorgfältig durchführen und die Daten vorsichtig interpretieren. Schon manches spektakuläre Resultat entpuppte sich im Nachhinein als methodischer Artefakt. Man darf mittlerweile davon ausgehen, dass sich die makroanatomische Landschaft eines männlichen Gehirns nicht von der eines weiblichen Gehirns unterscheidet. Augenfällige Unterschiede regionaler Grösse oder Dicke kortikaler Areale sind als Funktion der Körpergrösse und nicht des Geschlechts anzusehen. Männer haben tendenziell die grösseren Gehirne, weil sie im Mittel länger sind. Rückschlüsse auf eine höhere Intelligenz können daraus nicht geschlossen werden und verbieten sich folglich. Auch die vielfach kolportierten Vorteile in der weiblichen Sprachkompetenz, die man mit einer effektiveren Nutzung und Architektur der beiden Hirnhemisphären erklärt hat, dürfen getrost ins Reich der Mythen verwiesen werden. Unterschiedliche Reifungs- und Alterungsgradienten männlicher und weiblicher Gehirne konnten hingehend in jüngster Zeit glaubwürdig nachgewiesen werden. Welche Bedeutung diese Differenzen für die kognitive Entwicklung über die Lebensspanne haben mögen, ist derzeit noch ungeklärt. Für die unleugbaren Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern sind andere Faktoren als erklärend heranzuziehen. Zum einen sind es die Sexualhormone, die unzweifelhaft Einfluss auf das Verhalten haben. Zum Anderen sind es erlernte Rollenmodelle und stereotype Verhaltensroutinen, welche die Kommunikation und das Gebaren innerhalb und zwischen Männern und Frauen prädiktieren. Nicht etwa ein genetische determinierte, speziell ausgeformte Hirnregion machen einen Mann potentiell zu einem besseren Autofahrer und eine Frau zu einer besseren Köchin, sondern bestenfalls lebenslange Übung und die Überzeugung, eine Sache besonders gut zu beherrschen. Dass Frauen durch Übung zu guten Autofahrerinnen und Männer zu veritablen Köchen werden können, muss am Schluss nicht besonders betont werden.


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