Alumnae-Lunch, 13. Dezember 2017: Dr. Elisabeth Joris

Dez 13, 2017

Dr. Elisabeth Joris: «Reizwort Feminismus – zur historischen Entwicklung eines Begriffs»

Die renommierte Historikerin Elisabeth Joris nahm die Teilnehmerinnen des Alumnae-Lunches vom 13. Dezember 2017 mit auf eine Reise durch dieGeschichte des Begriffs «Feminismus» und zeigte, wie er sich mit dem gesellschaftlichen Wandel auch immer wieder mit neuen Inhalten füllte.

Elisabeth Joris stellte an den Anfang ihres Referats zwei verschiedene Arten des Feminismusbegriffs. Vor 100 Jahren schilderte die Schweizer Feministin Emilie Gourd den Widerstand von Tabakarbeiterinnen zweier Fabriken in Brissago und zeigte zentrale Aspekte auf: Widerständigkeit, Ablehnung einer geschlechtshierarchischen Unterordnung, Solidarität, Gerechtigkeit und Anerkennung des Werts weiblicher Arbeit. Demgegenüber steht Ivanka Trumps Feminismusbegriff, geprägt durch die Ansichten ihres Vaters, als inhaltslose Deklaration, dass Frauen und Männer gleich seien – kein Bezug zu Rechten und effektiver Gleichstellung oder gesellschaftlichen Realitäten. Gerade diese Arroganz führte in den vergangenen Jahren zu einer Reaktivierung der feministischen Bewegung.

Heute sorgen junge Frauen wie die Engländerin Laurie Penny oder die US-Amerikanerin Andi Zeisler mit ihrer Selbstdefinition als «Feministin» für mediales Aufsehen. Gestärkt durch Social Media findet ihr Austausch übers Schreiben statt. Ohne soziale Netzwerke wäre auch die Bewegung #MeToo nicht denkbar. Sie macht die für den Feminismus zentrale Frage der Verwobenheit von Macht und sexualisierter Gewalt öffentlich. Offen ist, inwiefern das enorme mediale Echo längerfristig feministischen Anliegen nützt oder ob es nur um Skandalisierung geht. Interessanterweise nehmen Angriffe auf Feministinnen und Genderspezialistinnen zu, während der Begriff «Feminismus» eher im Aufwind ist.

Feminismus wäre ohne die Französische Revolution mit der Forderung nach Gleichheit und Freiheit nicht denkbar. Der Feminismus als theoretisches Konzept basiert auf der Kritik an der sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Diskriminierung sowie an der hierarchischen Unterordnung der Frauen. Feminismus ist ebenso eine politische Bewegung und als solche immer mitbedingt durch den historischen Kontext.

Der Begriff geht auf die Emanzipationsbewegung im 19. Jahrhundert zurück und hat in der französischen Denktradition und somit auch in der Frauenbewegung der Westschweiz seit mehr als hundert Jahren seinen festen Platz. Im deutschen Sprachraum war «Feminismus» lange Zeit ein Reizwort und erzeugte bei Männern und Frauen Ängste. Man sprach lieber von «Frauenfrage» oder «Emanzipation». Erst seit den 1970er Jahren fand der Begriff Eingang in den Diskurs der neuen Frauenbewegung.

Ausgangspunkt für die feministischen Debatten Ende der 1960er-Jahre waren patriarchatskritische Positionen, die sich gegen die Reduktion der Frauen auf den häuslichen Bereich und den Sex-Appeal richteten. Im Gegenzug reagierten vorwiegend Männer mit Spott auf die breit angelegte Kritik und stellten Feministinnen als wütende Furien in unförmigen Latzhosen dar. Weil sich mit der neuen Frauenbewegung der 1970er-Jahre auch die Lesbenbewegung formierte, überlagerte sich in dieser Kritik die tiefsitzende Diffamierung von Homosexualität und Feminismus. Heute unterstreicht eine neue Generation von Feministinnen wie Andi Zeisler oder Laurie Penny den Dissenz durch die Übernahme von Frauen diffamierenden Begrifflichkeiten wie Bitches oder Riot Grrrls.

Parallel dazu hat sich in den vergangenen Jahren fast unbemerkt das Verhältnis zum Feminismus verändert. Einzelaspekte aus der feministischen Argumentation wurden marktkonform, so etwa die Forderung nach Selbstverwirklichung und Verfügung über den eigenen Körper. Marktfeminismus ist verführerisch, blendet aber fundamentale Aspekte wie Gerechtigkeit, Umverteilung und Solidarität aus. Feminismus avanciert damit zum Stil-Statement ohne Kontext.

 


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