Summa cum gaudi. Ein Rückblick von UZH-Alumna Nina Kunz

Feb 02, 2019

Die Kolumnistin Nina Kunz denkt zurück an ihre Zeit an der Uni Zürich. Eine Hommage im Magazin.

Nina Kunz

Die Universität habe ich als eine Zeit in Erinnerung, in der ich sehr viel geraucht habe. Am besten tat man das vor dem Thomas-Mann-Haus, da hatte man eine Bombenaussicht auf die Altstadt, oder an der Doktor-Faust-Gasse, gleich neben dem Hauptgebäude. Man konnte zu jeder Tageszeit zur Doktor-Faust-Gasse gehen, und da hatte es wunderschöne Leute, die rauchten und interessantes Zeug diskutierten. Wenn ich an der Universität geblieben wäre, hätte ich wohl nie mit dem Rauchen aufgehört.

Wichtig war auch der Kaffee. Nach ein paar Jahren hatte man raus, wo es den besten gibt. Sicher nicht in der Mensa, der schmeckt nach Kanalisation und Erde. Ganz schlimm war auch der aus den Automaten auf den Stockwerken, da weiss niemand, ob die jemals gereinigt wurden. Am besten war der Kaffee beim Kiosk, gleich neben der Doktor-Faust-Gasse, vielleicht ist der Ort auch darum das soziale Epizentrum des universitären Lebens. Sehr oft bin ich am Nachmittag dann gar nicht mehr ins Seminar, sondern habe mich mit Kaffee und Zigarette in irgendeine Diskussion verstrickt, aus der ich nicht mehr rauskam.

Nach der Matura waren (fast) alle Kids aus meiner Klasse erst mal «reisen». Also liessen sie sich von den Eltern einen Trip nach Australien bezahlen, wo sie Englisch lernen sollten, aber eigentlich nur besoffen mit Dosen nach Kängurus warfen. Ich hatte a) keine reichen Eltern, die mir so was finanziert hätten, und konnte b) die Uni kaum erwarten. Schliesslich war ich eher ein Teenager von der Sorte: schreibt in ihr Tagebuch, wie sehr sie Hermann Hesse liebt. Meine Erwartungen ans Studium waren hoch. Ich malte mir aus, dass alle nur über Bourdieu reden wollten und gut aussähen, wie in «The Graduate» – französisch und sexy. Nichts Verschultes mehr, intellektueller Durst in der Luft und am Abend dann in der Kneipe feiern. Einerseits kam es genau so, andererseits genau umgekehrt.

Neu gab es ETCS-Punkte, Deadlines, Anwesenheitspflicht.
Meine Zeit an der Universität Zürich war eine Mischung aus dem, was die Leute glauben, dass die Uni heute ist, und dem, was die Leute glauben, dass die Uni einmal war. Symbolisch dafür steht das Wort Bologna. Zum einen ist das eine Reform, die Ende der Neunzigerjahre eingeleitet wurde, um das Studium zu strukturieren, die Fächer in ganz Europa vergleichbar zu machen und die Effizienz des Universitätsbetriebs zu steigern. Die Message war: Das Rumeiern ist vorbei, Leute, die nach 32 Semestern noch keinen Abschluss haben, darf es nicht mehr geben.

Neu gab es ETCS-Punkte, Deadlines, Anwesenheitspflicht. Die Universität wurde genauso von Productivity-management-Denken erfasst wie jeder andere Bereich des Lebens. Und darum haben die Leute, die früher studiert haben, das Gefühl, bei ihnen sei alles besser gewesen, da habe man noch Zeit gehabt, sich durch «The Decline And Fall of the Roman Empire» zu kämpfen und Kockas Thesen zu diskutieren. Heute sei es mehr so ein Studium light. Und sowieso: die Jungen von heute. Die wollen doch nur noch den CV pimpen, Geld verdienen und Tide Pods fressen.

Das Wort Bologna hat aber noch eine andere Bedeutung. Es ist auch der Titel eines Liedes der Band Wanda. Die vier Jungs aus Wien sind bekannt dafür, an Konzerten betrunken von der Bühne zu fallen, und in dem Lied besingen sie ein Lebensgefühl der Sinnlichkeit und des Exzesses («Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore!»), und ich glaube, es geht auch um einen Inzest, weil der Sänger in seine Cousine verliebt ist – jedenfalls ist das Feeling wild, draufgängerisch: das komplette Gegenteil von ETCS-Punkten. Zu diesem Song lag ich während des Studiums oft irgendwelchen Leuten morgens um vier in den Armen und brüllte mir die Seele aus dem Leib – nachdem ich den Nachmittag in der Bibliothek verbracht hatte, um einen Althusser-Text zu entziffern. Also etwa so wie man sich das Studium 1968 in einer Kitschvorstellung ausmalt. Wer also nicht zu abgelöscht ist, kann heute beides haben: Bologna I und II.

Das Erste, was ich an der Universität lernte, war, dass es vier Arten von Leuten im Seminar gibt.
1) die, die gar nichts sagen, weil sie den Text nicht gelesen haben;
2) die, die nichts sagen, weil sie den Text nicht verstanden haben;
3) die, die den Text verstanden haben und konstruktiv diskutieren;
4) die, die den Text gelesen haben und aufstrecken und irgendwas sagen, um dem Prof zu zeigen, dass sie den Text gelesen haben, was aber überhaupt nicht in den Fluss der Diskussion passt;
5) die, die aufstrecken und eine persönliche Anekdote erzählen, immer, egal zu was. (Ich weiss nicht genau, was deren Motivation ist, ich glaube, es geht darum, auch mal was gesagt zu haben, aber vielleicht sind sie einfach nicht so schlau.)

Es ist also schwierig, ein Seminar zu finden, in dem der Mix der Leute eine lehrreiche Lehrveranstaltung ermöglicht, und du kannst echt Pech haben und ein Semester lang in so Anekdotenkursen hocken und dich fragen, wie das schon wieder passieren konnte, und darüber grübeln, warum der Prof nichts sagt, und dann abschweifen und darüber nachdenken, ob es noch Joghurt im Kühlschrank hat und ob die Deadline von nächster Woche zu schaffen ist, wenn am Freitag dieses Geburtstagsessen ist.

Ich selbst würde mich irgendwo zwischen Typ 3 und 4 verorten. Als ich an die Uni kam, war ich nämlich total eingeschüchtert von den älteren, hübschen Studenten, die im Seminar ihre Žižek-Zitate droppten und sich in Diskussionen auseinandernahmen – und mich null ernst nahmen. Also habe ich das erste Jahr damit verbracht, alles zu lesen, was mir in die Finger kam, um mit den Macho-Marxisten mitzuhalten. Innerhalb kurzer Zeit legte ich mir einen neuen Jargon zu und benutzte Begriffe wie «antizyklisch».

Wenn ich an die Uni denke, denke ich an dieses WC im vierten Stock des Hauptgebäudes, wo man nachmittags mit offener Türe aufs WC gehen konnte und dabei die prächtigste Aussicht auf die Alpen hatte; ich denke an die latente Angst, die man mit sich trägt, weil man nicht weiss, was nach dem Studium kommt, und man ständig gefragt wird: «Und ... weisst du schon, was du nachher machst?» Ich denke an die Nachmittage in der Bibliothek, an denen ich einen Text fünfmal durchging mit fünf verschiedenen Farben Stabilos, weil ich nichts verstand, und daran, dass das Blatt nachher aussah wie ein Regenbogen auf Speed. Ich denke an den Professor, der mich mal vor versammelter Klasse fragte, ob ich mit einem schmutzigen Mönch Sex haben würde, weil er einen Punkt über die mangelnde Hygiene in der Frühen Neuzeit machen wollte.

Wenn man ein paar Jahre an der Universität war, entwickelt man ein Auge dafür, Studienfächer anhand von Äusserlichkeiten zu erkennen. Die Geografinnen und Geografen erkennt man daran, dass sie alle diese gelbe North-Face-Tasche haben, die man auch als Rucksack tragen kann, und in die stopfen sie dann ihre Regenhosen und ihr Sportzeug, keine andere Fachgruppe ist dermassen gut ausgerüstet. Die BWL-Studierenden erkennt man an ihren schnöseligen Boot-Schuhen von Timberland, die Anglistik-Studierenden daran, dass sie Italienisch reden und aus dem Tessin kommen, die Historikerinnen und Historiker an ihren schwarzen Reeboks und selbst gedrehten Zigaretten, die Jus-Studierenden an ihren teuren Haarschnitten und Canada-Goose-Jacken. Schön an Klischees ist ja, dass sie immer einen wahren Kern haben.

Die Uni lehrt dich: Wenn es schwierig wird, macht es Spass.
Dann das Essen: Es gab jeden verdammten Mittag Leute, die sich über das Essen beschwert haben. Bratwurst zu trocken, Pommes zu salzig, Zu viel Glutamat in dem undefinierbaren Veggie-Gemüse-Ding (Wok?). Aber denen sollte echt mal einer auf die Schnauze hauen. Das kostet 5.20, und da kannst du nichts sagen. Die Mensa hat uns gut versorgt, und ich habe viel Liebe für jede einzelne Mensa-Frau, die uns über Jahre hinweg jeden Tag aushielt. Gut finde ich auch, dass sie knallhart waren, wenn es um die Legi geht. Wenn du sie nicht dabeihast, dann zahlst du extern! Das schmerzt, aber es war ihre Rache für unsere Schnöseligkeit, und wir haben es verdient. Sonst habe ich die Mittage als ein Highlight des Studiums in Erinnerung. Es konnte immer etwas Unerwartetes passieren. Man wusste nie, wer noch dazustossen könnte, man ass in Gruppen und roch nachher nach Bratfett. Himmlisch.

Das Schönste an der Universität war das Denken. Verschiedene, sich widersprechende Gedanken gleichzeitig jonglieren. Diese Art des Denkens, wenn eine einfache Frage – etwa: Was ist eine Nation? – plötzlich so kompliziert wird, dass sie dein Hirn sprengt. Die Uni lehrt dich: Wenn es schwierig wird, macht es Spass. Und am meisten Spass macht es, wenn du diese komplizierten Gedanken mit Menschen teilen kannst, die ähnlich denken wie du oder wenigstens die gleichen Bands mögen. Das Denken hat etwas Poetisches, weil es ein wenig ist, wie wenn man vor einem Kunstwerk steht und ständig neue Details entdeckt. Müsste ich wählen, würde ich eher meine Arme und Beine hergeben als dieses Denken.

Ich habe Geschichte studiert. Deshalb glaube ich daran, dass die Welt besser werden kann. Denn: Wenn ich mir anschaue, was die Geschichtswissenschaft für eine Entwicklung durchgemacht hat, werde ich optimistisch. Am Anfang waren da Historiker wie Leopold von Ranke, die sich ausschliesslich für die grossen Herrscher interessierten. Dann kamen Marxisten wie Eric Hobsbawm, die fanden: Hey, was ist mit den Arbeiterinnen und Arbeitern? Die müssen in der Geschichtsschreibung auch vorkommen! Und dann Feministinnen, die bemängelten, dass die Frauen vernachlässigt wurden. Kurz: Die Geschichtswissenschaft ist inklusiver geworden. Das gefällt mir. Genauso wie die theoretischen Spinnereien hinter dem Fach, etwa der Dekonstruktivismus. Als mir in einem Seminar zum ersten Mal vorgemacht wurde, wie man ein Konzept hinterfragt und eben: dekonstruiert, war ich baff. Da tat sich eine Welt auf, es wurde bunt. Eine Nation ist nicht einfach eine Nation, quasi von Natur aus. Da braucht es einen Zeitgeist, eine Geschichte, einen Mythos und Interessen. Das Symbolische und das Faktische durchdringen sich komplex. Wow.

Es war nicht alles rosig. Das Studium hat mich auch mächtig gestresst.
Die Partys waren auch wichtig. Eine Zeit lang gab es eine Studi-Party im Plaza, jeweils donnerstags, weil: Wer geht am Freitag schon in die Vorlesung? Da ging man manchmal hin, aber nur ironisch und als Gruppe und klaute Wodka von hinter dem Tresen, wenn der Barkeeper nicht guckte. Gut war auch der ASVZ (der Uni-Sport), da konnte man zu Jennifer-Lopez-Remixes Squats machen, und der Trainer sagte Sachen wie: «Summer bodies are made in winter» und meinte das tatsächlich so. Oder: «Wenn du wirklich nicht mehr kannst, dann mach noch zwei.» Es war die Antithese zum Dekonstruieren im Seminar. Im ASVZ waren Dinge wie Postkolonialismus egal, und das war gut so.

Aber es war nicht alles rosig. Das Studium hat mich auch mächtig gestresst. Bologna ist super für Leute, denen man in den Hintern treten muss, damit sie eine Arbeit schreiben. Aber Bologna ist der Horror für Leute, die das eh schon können – sich strukturieren – und dann ob diesem Reward-Mechanismus durchdrehen, weil sie Streber sind oder von guten Noten high werden. Vor meinem Bachelor hatte ich etwa solche Angst, eine Prüfung nicht zu bestehen, dass ich jeden Tag dafür lernte, drei Monate lang, und aufhörte zu essen, und als der Test vorüber war (hatte eine 6), stand ich eines Tages in der Dusche, und meine Haare fielen büschelweise aus, weil ich mangelernährt war.

Zwar wusste ich, dass viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen reicher waren als ich, dass ihre Eltern Anwälte waren – aber im Alltag spielte das keine Rolle, weil sich (zumindest in der Geschichte) niemand durchfüttern liess. Alle hatten öde Nebenjobs, und «reich sein» bedeutete einfach, dass man in der WG ein Wohnzimmer hatte. Erst im Nachhinein sehe ich, dass es die wohlbehüteten Studis etwas leichter hatten. Denn: Viele, die (wie ich) Stipendien bekommen haben, sagen, dass sie dankbar sind für die Hilfe – ihnen das Geld aber auch das Gefühl gegeben habe, sie seien dem Kanton etwas schuldig, müssten extra viel leisten und dürften keinen Tag länger als notwendig studieren.

Und einfach um noch ein weiteres Klischee aus dem Weg zu räumen: Drogen genommen habe ich trotz der Belastung nie. Es wäre zwar nicht schwierig gewesen, welche aufzutreiben. In der ZB gab es so einen Typen, der zu jeder Jahreszeit in Adidas-Schlappen rumlief und mir im Lesesaal immer wieder Ritalin anbot. Aber harte Substanzen fand ich immer – das gehört zum Partymachen. Die Einzigen, die ich kenne, die für das Studium Drogen genommen haben, waren die Architekten von der ETH. Aber die sind eh eine eigene Spezies. Die schlafen im Büro und haben Campingmatten und Zahnbürsten im Spind.

Apropos komische Spezies: In einer Politikvorlesung hatte ich mal ein Semester lang einen Abercrombie & Fitch-Typen in der Reihe vor mir, der immer nur Basketball geschaut hat auf dem iPad. Im Nachhinein dachte ich: Der Typ war symbolisch für den abgelöschten Bologna-Vibe. Der Prof soll einen unterhalten wie Netflix, und wenn die ETCS-Punkte mal eingesackt sind, kann man den Stoff wieder vergessen. Ich habe mich stets geärgert über solche Typen. Warum bist du hier, wenn du keine Lust auf Wissen hast? Wo ist dein Feuer? Du bist genauso öd wie diese Mädchen in der Schule, die immer gefragt haben, ob etwas «prüfungsrelevant» ist.

Am meisten ärgerten mich die Jus-Studierenden.
Den unwirtlichen Bologna-Vibe habe ich nur selten in Reinform abbekommen (eigentlich nur, wenn ich in der Politik mit sechshundert anderen Menschen eine Prüfung schrieb und dachte: Wow, ich bin nur ein kleines Sandkorn, das ein paar Bullet Points auswendig gelernt hat). Schliesslich ist das Geschichtsstudium eine der letzten widerständigen Bastionen. Und selbst wenn die Profs Bologna-Fans wären, man wüsste schlicht nicht, wie das gehen soll. Die Geschichte effizienter zu machen wäre etwa so, wie wenn man die Seniorenpflege effizienter gestalten wollte. Man könnte es vielleicht tun, aber das Wesentliche bliebe auf der Strecke. Darum fristen die Geisteswissenschaften so was wie eine Parallelexistenz zu Leistungsfächern wie Jus und Bio. Wir machen Liz-ähnlich weiter und hoffen, niemand merkt es.

Am meisten ärgerten mich im Studium die Jus-Studierenden, die hatten immer so krasse Lernphasen, dass die wochenlang nichts anderes taten. Einmal ging ich in die Calatrava-Bibliothek lernen (das ist die Jus-Bibliothek an der Rämistrasse). Da stehen die Leute um acht Uhr morgens an, als wäre es der heisseste Klub der Stadt, und dann stürzen sie rein, du kriegst einen Ellbogen in die Seite gerammt auf dem Weg in den Lesesaal. Ihre Bibliothek ist um 8.02 Uhr immer schon voll, weshalb sie dann auf «unsere» Bibliotheken ausweichen. Da kommen sie mit ihren ZGWs und ORs, legen die auf den Tisch. Dann sind sie zehn Minuten auf Whatsapp, gehen Kaffee trinken oder was weiss ich und werden nie mehr wiedergesehen, bis die Bibliothek schliesst. Darum hat es nie Platz für uns zum Lernen.

Die Universität ist wie die echte Welt, einfach in klein.
Auch politisch war tote Hose. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Institution war ein Minderheitenphänomen. Die Identifikation mit der Bildungsstätte war wohl schwach. Man ging da halt hin, um sein Diplom zu kriegen. Exemplarisch konnte man das beim VSUZH-Rat, dem Studierenden-Parlament, sehen. Die Forderungen gingen da mehr in die Richtung von: Mikrowellen für alle als Revolution jetzt! Die studentische Uni-Politik war brav und bürokratisch. Die Einzigen, die ab und zu Radau machten, waren die «ausserparlamentarischen» Linken, die selbst Vorträge organisierten oder solche von Pharmabossen oder Sepp Blatter störten, was ich Spitzenklasse fand.

Das Gute: Ich glaube, alle können an der Uni ihr Plätzchen finden, wenn sie ein wenig suchen. Ich habe meines bei der Zürcher Studierendenzeitung gefunden. Ich war 19 und habe einen Artikel geschrieben über den Protest gegen einen Vortrag der IWF-Chefin. Das war am 8. Mai 2012 – und in der Redaktion sassen drei Jungs, hörten The Smiths und tranken nachmittags um vier Bier. Ich wusste: Da will ich hin.

Also drängte ich mich auf, ein Jahr später zog ich praktisch in dieses lottrige Haus an der Rämistrasse 62 ein. Es hatte eine alte Küche, wo immer Pasta-Reste im Abflusssieb hingen, und überall lagen CD-ROMs und klebrige Weinflaschen herum. Wir machten sechsmal im Jahr eine Ausgabe. Ich kniete mich richtig in die Universitätspolitik rein und verstand: Ah, die Universität ist wie die echte Welt, einfach in klein, da gibt es Lobbys, Proteste, Interessenvertreter. In der Redaktion habe ich Freunde fürs Leben gefunden. Dort war die Uni, wie ich sie wollte.

Wie sehr mir die Universität eine Struktur gab, habe ich erst nachher begriffen.
Es gibt die berühmten Professoren, die haben so was wie Fanklubs, und dann trifft man sich jedes Jahr wieder in ihren Kolloquien. Diese Profs haben Spitznamen, eine Aura, man kennt sie, wenn man mit dem Studium anfängt. Das sind auch die Profs, die in den Medien vorkommen und etwas verwirrt sind, und wenn sie reden, beginnen sie irgendwo, und du denkst, hä, was hat das mit dem Thema zu tun?, aber dann schleifen sie den Gedanken ein, und alles, was sie bisher gesagt haben, spannt sich zu einem logischen Ganzen zusammen, und du hockst da und staunst ob der Genialität dieses Menschen und wirst ein bisschen traurig, weil du nie und nimmer so klug sein wirst, doch dann erinnerst du dich, dass die sehr viele Stunden in der ZB verbracht haben und du dafür am See, und alles ist okay.

Was ich nicht gecheckt hatte, war, wie sehr mir die Universität eine Struktur gab. Das habe ich erst nachher gecheckt. Du hast jeden Dienstag eine Vorlesung, aber hingehen musst du nur, wenn du a) nicht zu verkatert bist, b) Lust hast und es c) nicht regnet. Es ist perfekt. Dein Leben hat einen Sinn, du sammelst diese Punkte und strebst einem Diplom entgegen. Danach gibt es niemanden mehr, der dich bewertet, und du fragst dich: Ja, wie zur Hölle weiss ich jetzt, ob ich auf dem richtigen Weg bin? Manchmal wünschte mir, mein Leben wäre wieder verschulter. Das Studium ist die perfekte Mischung zwischen Sozialem, Inhaltlichem und Selbstverwirklichung.

Das Studium ist die Zeit, in der man noch alles vor sich hat.
Wenn ich an die Universität denke, denke ich daran, wie ich mich nach dem Seminar unter Apéros gemischt (weil es an der Uni jeden Tag irgendwo einen Apéro gibt) und mir einen Schwips angetrunken habe. Ich denke an die Cornflakes, von denen ich mich mehrheitlich ernährt habe, weil das für mich der Inbegriff des Erwachsenseins war: Essen, was ich will, mag es noch so trashy sein. Und ich erinnere mich an den Ausblick von der Bibliothek auf die roten Dächer der Zürcher Altstadt, dieses Gefühl von Über-der-Stadt-Schweben. Ich erinnere mich ganz allgemein an ein Traumgefühl, an Wärme und Geborgenheit.

Das Studium ist die Zeit, in der man noch alles vor sich hat, es ist eine Blase, in der man sich einreden kann, dass das Beste noch kommt und alles, was jetzt ist, noch nicht so richtig zählt. Es ist eine Testphase, in der man die grauenhafte Pubertät hinter sich hat – sich aber noch ein wenig vor dem Ernst des Lebens drücken kann.

Erschienen am 2. Februar 2019, Das Magazin


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