UZH Magazin: Den Menschen verstehen. Was Grundlagenforschung leistet

Published on September 23, 2026

Die Frage, was der Mensch ist, treibt die Wissenschaft um, seit es sie gibt. Im Dossier des aktuellen UZH Magazins geben Forschende der UZH darauf Antworten – aus ganz verschiedenen Perspektiven, von der Theologie über die Immunologie und die Sprachwissenschaft bis zur Anthropologie. Mit ihrer Grundlagenforschung tragen diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu bei, dass wir den Menschen und die Welt besser verstehen.


Was Gott über uns verrät

Wer den Menschen verstehen will, muss die Geschichten kennen, die ihn geprägt haben, ist Theologe Konrad Schmid überzeugt. Und wenige Geschichten sind wirkmächtiger als die der Bibel.

«Wenn ich Sie jetzt fragen würde: ‹Wer sind Sie?›, wie würden Sie antworten?» Konrad Schmid sitzt an einem schwül-heissen Julitag in einer kühleren Ecke des Kreuzgangs beim Grossmünster. Während ich noch überlege, welche Eckdaten ich für eine oberflächliche Antwort nennen müsste – Alter, Beruf, Nationalität –, fügt er schon hinzu: «Daten wie Körpergrösse, Haarfarbe, Augenfarbe, Geburtsdatum und -ort würden fast nichts über Sie sagen.» Schmid ist Professor für Alttestamentliche Wissenschaft und Frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich. Wenn man eine Person wirklich verstehen wolle, sagt er, müsse man erzählen: prägende Erfahrungen, Stationen im Leben, aber auch Brüche: «Genauso ist es nicht nur für das Individuum, sondern auch für die ganze Spezies Mensch.» Dass wir beispielsweise bestimmte Dinge für gerecht halten und andere für ungerecht, habe mit unserer Geschichte zu tun.

Ich will ausloten, welchen Beitrag die Theologie zum Verständnis des Menschen leisten kann. Schmids Haltung ist klar: In den frühen Texten des Alten Testaments sucht er nach den Wurzeln unserer heutigen Denkkategorien und ethischen Muster. «Um zu verstehen, wer wir sind, müssen wir unsere Geschichte und vor allem auch unsere Kulturgeschichte kennen» – die eben nicht nur in der klassischen griechischen Antike gründet, sondern vor allem auch in den Hochkulturen des fruchtbaren Halbmonds von Ägypten bis Mesopotamien. Das ist das Umfeld, in dem die Bibel entstanden ist.

Gewachsene Texte

Als Spezialist für alttestamentliche Schriften forscht Schmid an den Grundlagen unserer Kulturgeschichte. Er untersucht, wie Texte entstanden sind, welche vorherrschenden Ideen sie aufnehmen und weiterspinnen, auf welche historischen Ereignisse sie verweisen und wie sie neu gedeutet werden können. Dabei bezieht er auch archäologische oder anthropologische Erkenntnisse ein. Viele biblische Bücher sind gewachsene Texte, erklärt er: «Die Bibel besteht aus verschiedenen Dokumenten, die über gut tausend Jahre hinweg an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten von bestimmten Menschen geschrieben worden sind.» Damit gleiche sie eher einer Bibliothek als einem Buch: einer stilistisch vielseitigen Sammlung von Erzählungen, Gesetzestexten, Psalmen, Prophetenworten und Weisheitssprüchen.

Konrad Schmid
Der Zürcher Fotograf Dan Cermak hat für die Bildstrecke des UZH Magazins
verspielte Porträts der UZH-Forschenden realisiert. Hier im Bild: Konrad Schmid


Heilige Schrift hin oder her, Schmid untersucht die Bibel nicht als Wort Gottes, sondern als das erfolgreichste Buch der Menschheitsgeschichte. Gerade als menschliches Zeugnis ist sie wissenschaftlich hochinteressant; ihre Wirkung reicht weit über Kirche und Religion hinaus. «Egal, ob Sie in die Kirche gehen oder nicht, Sie sind geprägt von der Weltsicht der Bibel, von den geistigen Entwicklungen, die darin dokumentiert sind und die sie angestossen hat», erklärt mir Schmid, während eine Gruppe von Tourist:innen durch den Kreuzgang geführt wird und unser Gespräch kurz unterbricht. Ohne den Faden zu verlieren, fügt Schmid hinzu: «Und eine der folgenreichsten Denkbewegungen ist die Entstehung des Monotheismus.»

Weltreligion aus der Randzone

Das sei eine der spannendsten Fragen seines Forschungsgebiets: Wie kam ein kleiner Staat, eingeklemmt zwischen den damaligen Weltreichen, dazu, die Vorstellung eines einzigen Gottes zu entwickeln? Um diese Frage zu beantworten, müsse man die gewohnte Perspektive umkehren, sagt Schmid. Heute erscheint uns die Region als kulturelles Zentrum, weil die Bibel so wirkmächtig wurde. Ihr Entstehungsort lag im ersten Jahrtausend v. Chr. jedoch in einer Randzone. «Ägypten und Mesopotamien sind viel ältere Hochkulturen, die bis ins vierte, dritte Jahrtausend v. Chr. zurückgehen. Der Kleinstaat Israel betritt erst etwa um 1000 v. Chr. überhaupt die Bühne.» Israel sei «nicht nur politisch, militärisch, ökonomisch, sondern eben auch kultur- und geistesgeschichtlich ein Spielball zwischen den altorientalischen Mächten» gewesen.

In dieser Welt hatte jedes Land seine Gottheiten. Grössere Staaten verfügten über komplexe göttliche Ordnungen – so das ägyptische Glaubenssystem, das neben den ungefähr zwanzig Hauptgottheiten viele Hundert Nebengötter und -göttinnen kannte. Kleinstaaten hingegen hatten oft nur eine lokale Gottheit. Schmid nennt dafür eine anthropologische Grundregel: Menschen stellen sich in der Regel die göttliche Sphäre in Analogie zu ihrer eigenen Organisationsform vor. Der Gott Israels und Judas hiess Jahwe. Schon dass dieser Gott einen Namen hatte, verweist für Schmid auf ein polytheistisches Umfeld. Ein Gott braucht nur dann einen Namen, wenn auch andere Götter denkbar sind. Wenn es nur einen gibt, reicht «Gott». Dass aus dieser lokalen Gottheit der eine Gott wurde, der auf der ganzen Welt anerkannt wird, erklärt Schmid überraschend aus der politischen Geschichte des Vorderen Orients. «Geistesgeschichtlich gesehen ist Monotheismus eine politische Kategorie.» Die Vorstellung eines Gottes, der alles beherrscht, setze die Erfahrung eines weltweiten Imperiums voraus.

Gegen die imperiale Besatzung

Diese Erfahrung machten die Kleinstaaten Israel und Juda im 8. Jh. v. Chr. unter dem Druck der assyrischen und später der babylonischen Grossmacht. Üblicherweise bedeutete die Eroberung eines kleinen Staates auch das Ende seiner Gottheit: Wenn ein Volk unterlag, schien auch sein Gott zu schwach. In Israel und Juda setzte um diese Zeit jedoch ein anderes Narrativ ein. Die Niederlage wurde als Teil eines grösseren göttlichen Handelns verstanden. Jahwe habe, so die Deutung, die imperialen Grossmächte als Instrumente genutzt, etwa um Israel zu bestrafen oder um die Geschichte zu lenken. So wurde der eigene Gott mächtiger statt schwächer – zuständig für alles, was geschieht. In diesem Sinn lässt sich die monotheistische Zuspitzung im Deuteronomium – «Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein» – als eine intellektuelle Gegenbewegung zur Besatzungserfahrung lesen, argumentiert Schmid: Loyalität galt nicht dem assyrischen Herrscher oder dem assyrischen Hauptgott Assur, sondern dem eigenen Gott Jahwe allein.

Eine Reaktion auf die politischen Verhältnisse lässt sich auch an anderer Stelle nachweisen, in Denkfiguren, die erstaunlich egalitär wirken, sagt Schmid, «besonders die Vorstellung der Gottebenbildlichkeit». Lebhaft erzählt er von seiner semantischen Spurensuche im biblischen Text der Genesis, die ihn zu den tiefsten Wurzeln der Gleichheitsvorstellungen in der antiken Welt geführt hat. Im altorientalischen Kontext galt der König als Bild Gottes. In Genesis 1 wird diese Würde jedoch auf den Menschen als solchen ausgeweitet: «Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.» Gott überträgt ihnen auch die Herrschaft über die Schöpfung.

«Egal, ob Sie in die Kirche gehen oder nicht, Sie sind geprägt von der Weltsicht der Bibel, von den geistigen Entwicklungen, die sie angestossen hat.»
Konrad Schmid, Theologe


Die revolutionäre Pointe dieser wohlbekannten Zeilen werde heute kaum mehr wahrgenommen, so Schmid. Das Buch Genesis entstand in einer Zeit, in der Israel und Juda kein eigenes Königtum mehr kannten, und genau dann wird eine bemerkenswerte Verschiebung festgeschrieben: Nicht mehr der König ist gottgleich oder Stellvertreter Gottes – denn das wären in der zeitgenössischen Erfahrung die assyrischen oder babylonischen Könige gewesen –, sondern das Privileg der Ebenbildlichkeit wird nun allen Menschen zugesprochen. Ebenbild bedeute im Hebräischen aber nicht ‹Abbild›, sondern ‹Statue›, «die die Präsenz des Dargestellten symbolisieren sollte», erzählt Schmid. Der Mensch sieht also nicht aus wie Gott, sondern steht für dessen Präsenz und Funktion in der Schöpfung. Von diesem Diktum der Genesis bis zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung («We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal…») sei es natürlich ein weiter Weg, auf dem die griechische Philosophie, die Reformation oder die Aufklärung den Gleichheitsgedanken immer weiter geformt haben, gibt der Bibelforscher zu bedenken. «Aber Wege müssen irgendwo beginnen, und es ist hilfreich zu wissen, wo sich diese Anfänge befinden und wer sie warum gepflastert hat.»

Geschichten, die uns prägen

Was sagt dieser eine Gott nun über die Menschen aus, die ihn erdachten? Gemäss Schmid markiert der Monotheismus eine grundlegende Veränderung: «Hier kommt eine Sicht des Menschen auf, die auch im 21. Jahrhundert noch ihre absolute Aktualität hat – dass dieser Mensch, der dem einen Gott gegenübersteht, ein begrenztes Wesen ist.» Der Mensch wird verstanden als «Geschöpf und nicht selbst Schöpfer». Er ist eingebettet in eine Wirklichkeit, die über ihn hinausgeht. In der Bibel werden damit Formen des Nachdenkens darüber entwickelt, wie Menschen mit dem umgehen, was sie nicht kontrollieren können: mit Zufall, Endlichkeit und dem Unverfügbaren.

Der Erkenntnisgewinn von Schmids Forschung liegt darin, solche Vorstellungen auf ihre historischen Entstehungsbedingungen zurückzuführen. Die Texte des Alten Testaments reagieren auf Konflikte, Krisen und den Austausch mit den grossen Nachbarkulturen. Sie zeigen, wie prägende Konzepte wie der Monotheismus in Situationen entwickelt wurden, in denen Menschen erklären mussten, was ihnen widerfuhr: Niederlage, Fremdherrschaft, Verlust von Sicherheit. Dass daraus keine unmittelbar verwertbaren Resultate entstehen, ist für Schmid kein Mangel. «Universitäten zeichnen sich dadurch aus, dass sie interessenfreie Forschung machen.» Ihr Wert zeige sich in Erkenntnissen, «die vielleicht erst später relevant werden».

Schon heute relevant ist jedenfalls Schmids wissenschaftliche Haltung, weil sie einer erstarkten fundamentalistischen Bibelauslegung entgegensteht, die vor allem in den USA erheblichen politischen Einfluss gewonnen hat. Diese evangelikalen Strömungen gehen von der Bibel als einem wörtlich zu nehmenden, fest gemauerten Fundament aus. Schmid hingegen beschreibt in seiner neugierigen und interdisziplinären Annäherung an die alten biblischen Texte eher eine Art Nährboden, in dem manche unserer zentralen Denkkategorien verwurzelt sind. Das ist ideengeschichtlich überraschend – und mit Blick über den Atlantik durchaus auch politisch bedeutsam.

Die Theologie kreist für Schmid um grundlegende Fragen, die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigen: «Wo wollen wir eigentlich hin? Wo kommen wir her? Was ist wichtig im Leben?» Er ist überzeugt, dass die alttestamentlichen Texte «Gedanken enthalten, die es wert sind, ihnen auch heute noch nachzugehen». Wenn wir uns also nochmals die Frage stellen: «Wer sind wir?», dann steckt zumindest ein Teil der Antwort genau in den alttestamentlichen Geschichten, die Konrad Schmid auf seiner Spurensuche findet. Wir verlassen die schattige Kühle des Kreuzgangs. An diesem «Kraftort der Reformation», wie er sagt, wo die neue Deutung biblischer Texte schon einmal historische Wirkung entfaltet hat, klingt dieser Gedanke gar nicht mal so abstrakt.


Text: Barbara Simpson
Bild: Dan Cermak


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