Das abenteuerliche Leben des UZH-Alumnus Conradin Perner

Der Sprachforscher und Ethnologe Conradin Perner hat in den 1970er Jahren auf eigene Faust den Volksstamm der Anyuaks im Südsudan erforscht. Seine einzigartigen Unterlagen hat er 2020 dem Völkerkundemuseum der UZH übergeben. Die Geschichte eines neugierigen Menschen und kompromisslosen Wissenschaftlers, den es in die Fremde trieb.

Conradin Perner 1977 in seiner Hütte in Otalo, einem Dorf der Anyuaks im Süden des Sudans.

Als «Haus der 55 Speere» bezeichnet Conradin Perner sein Mehrfamilienhaus in Davos. Das ältere und farbig gestrichene Haus macht den Besucher schon von aussen neugierig, öffnet man die blau gestrichene Türe und tritt ein, wähnt man sich in einem Museum: Speere, Seile, Tierfelle, Pfeifen, Hüte, Dolche, Holzfiguren säumen das Treppenhaus – und grossformatige Bilder aus Zentralasien und Afrika, vor allem von Angehörigen der Anyuaks, einem Volksstamm im Südsudan. Die Aufnahmen entführen in die Savannen Afrikas, zu ihren Bewohnerinnen und Bewohnern und zeugen von einem abenteuerlichen Forscherleben, das seinesgleichen sucht: Während acht Jahren studierte Perner in den 1970er und 1980er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf eigene Faust die Sprache und Lebensweise der Anyuaks, einem wenig bekannten Stamm im südsudanesischen Niemandsland an der Grenze zu Äthiopien. 

Die Feldstudien publizierte der Abenteurer später in einer achtbändigen Monografie im Schwabe Verlag, komplettiert von einem Wörterbuch Anyuak-Englisch-Anyuak. Seine einzigartigen Unterlagen hat er 2020 dem Völkerkundemuseum der UZH übergeben. Die Dokumentation ist Zeugnis einer spektakulären Karriere, zumal für einen Sprachwissenschaftler, der während seiner Studienzeit an der Universität Zürich in den 1960er-Jahren mit der Ethnologie noch nichts am Hut hatte. Perner promovierte 1968 an der UZH über vergleichende Literaturwissenschaft. 

Französische Klassiker am Nil 

«Ich ging einfach hin», sagt der Sprachwissenschaftler und Ethnologe heute auf die Frage, wie er dazu kam, die unbekannten Anyuaks zu erforschen. Ausgangspunkt dieser Arbeiten, die sich zum Lebenswerk ausweiten sollten, war die Universität von Khartum im Sudan, wohin es den Abenteurer nach einem Engagement als Delegierter beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes IKRK verschlagen hatte. Purer Zufall sei es gewesen, dass er 1974 das Angebot einer Stelle als Professor für französische Literatur in der sudanesischen Hauptstadt angenommen habe, sagt der Weitgereiste, der über sich selbst schreibt, er sei ein einsamer Wolf und hungrig nach Unabhängigkeit und Weite. Die Universität von Khartum hatte in den siebziger Jahren einen guten Ruf, sie war bestens organisiert und ausgestattet, die Löhne waren bescheiden, aber wurden regelmässig bezahlt, was keine Selbstverständlichkeit war. 

Die Anstellung im Sudan kam Perners Neugier und seinem Drang nach Weite und Fremde entgegen. Man darf sich das Leben damals in Khartum als ziemlich angenehm und exotisch vorstellen, zumal für einen weissen Mann im Status eines Professors. Eine friedliche und verschlafene Stadt am Zusammenfluss des Weissen und des Blauen Nils, dunkelhäutige Menschen in weissen Gewändern, staubige Naturstrassen und niedergeschossige Lehmhäuser, ab und zu ein Kamel und öfter ein Sandsturm. Perner mietete ein Haus, debattierte mit seinen Studentinnen und Studenten französische Klassiker und genoss die kühlen Abende. 

Er hätte dieses angenehme Leben weiterführen können, doch seine innere Unruhe trieb ihn weiter. Die Liebe zu Literatur und Sprache brachte ihn dazu, sich stärker mit den Bewohnern im Südsudan, ihrer Kultur und Geschichte zu beschäftigen. Er begann sich für anthropologische Fragen zu interessieren und belegte bei den Kollegen der Universität Kurse über «Oral History» und «Traditions». Daraus entstand der Wunsch, eigene anthropologische Studien im Südsudan durchzuführen, wo damals rund 90 unterschiedliche Volksgruppen und Kulturen lebten. Zu diesen Völkern gehören als grösste Gruppen die als «Niloten» bekannten Dinka, Nuer und Shilluk oder auch die kleineren Stämme der Baka oder Anyuak. 

Perner fasste den Entschluss, die wenig bekannten Anyuak zu studieren und seiner Alma Mater, der Universität Zürich, ein Forschungsprojekt über «Mündliche Literatur» dieses Stammes zu unterbreiten. Eine erste Erkundungstour in den Süden des damals noch ungeteilten Landes nach Akobo diente dazu, erste Kontakte zu knüpfen und das Projekt für die Geldgeber zu konkretisieren. Dabei konnte er auf den Goodwilll der ehemaligen UZH-Rektorin Verena Meyer (1929–2018) zählen. Die Physikerin unterstützte sein Vorhaben von Beginn weg ohne Vorbehalte und ermöglichte eine erste Finanzierung durch die Universität. 

«Menschenfressender Leopard» 

Die Anyuaks hatten keinen guten Ruf. Sie wurden als streitsüchtig und arrogant, aber auch als selbstbewusst beschrieben – Perner bezeichnet sie als stolze, wenn auch verschlossene und misstrauische Menschen. Ihr abgelegener Lebensraum im Südsudan und im angrenzenden Äthiopien liegt in den flachen Savannengebieten, die während der Regenzeiten überflutet werden. Die Anyuaks betreiben Subsistenzwirtschaft und leben vom Anbau verschiedener Kulturen, meist Hirse, sowie der Jagd und etwas Fischfang. Einige Familien besitzen eine kleine Zahl Rinder. Die kleinen Streusiedlungen liegen Kilometer voneinander entfernt und sind nur schwer zugänglich. Ausgerüstet mit Schreibmaschine, Fotoapparat und Tonbandgerät machte sich Perner zu Fuss auf den beschwerlichen Weg. Tagelange Märsche brachten ihn zu den Siedlungen im Inneren des Anyuak-Landes. Er erlernte die Sprache und dank seiner Beharrlichkeit und Empathie gewann er mit der Zeit das Vertrauen der Dorfbewohner und des «Königs», einer allmächtigen Person dieser Gemeinschaft, der ihm Tür und Tor für seine Studien öffnete. Von Ading Okway, dem Chef der Dikolè-Dorfgemeinschaft, hatte Perner schon zuvor den Namen «Kwacakworo», den man mit «menschenfressender Leopard» übersetzen kann, erhalten. Seither wird er auch von Freunden zuweilen so genannt. «Obwohl ich mich als pures Gegenteil dieses Namens verstehe, gefällt er mir», meint er schmunzelnd. 

Der Anyuak-König Aggada Akway Cam mit seinen königlichen Utensilien.

Perner hatte die Geduld und die Gabe, sich in den Alltag der Dorfgemeinschaften einzufügen. Täglich besuchte er den mächtigen König Aggada Akway Cam und diskutierte mit ihm Naturereignisse, die bevorstehende Ernte, philosophische und politische Fragen, Gerichtsfälle oder Konflikte mit Nachbarstämmen. Er lebte das einfache Leben der Einheimischen und ernährte sich vorwiegend von Hirse, selten mal von etwas Fleisch. Besonders hart sei das Leben während der Regenzeit gewesen, wenn die Erntevorräte knapp wurden und Hungerperioden üblich waren, dann gab es nur gekochtes Gras. Wenn Perner heute von diesen Erlebnissen und Entbehrungen spricht, von Gewaltmärschen über Hunderte von Kilometern, von Hunger, Krankheiten und Schlangenbissen, wähnt man sich in einem überzeichneten Abenteuerfilm. Aber «Kwacakworos» Erlebnisse waren real und der «Leopard» hielt den Prüfungen stand. 

Seine Solidarität mit den Dorfbewohnern zahlte sich für seine Studien aus. Allmählich wurde er zur Vertrauens- und Respektsperson nicht nur des Königs, sondern auch der einfachen Leute, er erfuhr von ihren Sorgen und Nöten. Während den drei Jahren fast ununterbrochener Feldarbeit besuchte der Forscher sämtliche Anyuak-Dörfer im Südsudan. Nach Abschluss seiner Feldstudien reiste der Ethnologe zurück in die Schweiz, um die unzähligen Dokumente zu verarbeiten; danach kehrte er während der Trockenzeit regelmässig zu den Anyuak zurück, um seine Unterlagen zu überarbeiten und das Wörterbuch zu vervollständigen. 

Dokumente einer verschwindenden Kultur 

Die Forschungen dehnten sich zum Langzeitprojekt aus. Ursprünglich auf zwei, drei Jahre angelegt, wurden daraus zwischen 1976 und 1983 acht Jahre, die er dank der UZH und dem Nationalfonds finanzieren konnte. Die Früchte seiner Studien umfassen ein Manuskript von 4000 Seiten zur Kultur, Religion, Politik und Lebensweise der Anyuak, die er in der achtbändigen Monografie «Living on Earth in the Sky: The Anyuak» veröffentlichen konnte, den letzten Band im Jahr 2016. Aufzeichnungen und Übersetzungen der mündlichen Literatur, eine Landkarte, Sprach- und Musikaufnahmen, Fotografien und ein Wörterbuch mit 7000 Ausdrücken vervollständigen die Dokumentation der Anyuaks. Die unterdessen im Völkerkundemuseum aufgehobenen Dokumente haben historischen Wert, denn etliche dieser Menschen haben seither ihre traditionelle Lebensweise auch aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen im Grenzgebiet aufgegeben. 

Odol Tok während eines Trommeltanzes, seine Mähne ist ein geschnürter Kuhschwanz.

Seit Perners Feldarbeiten hat sich die politische Situation im Sudan grundlegend geändert. 1983 eskalierte der Konflikt zwischen dem nördlichen und dem südlichen Landesteil. Die beiden Gebiete waren zuvor 1957 von den Kolonialmächten vereint worden. Die kriegerischen Auseinandersetzungen endeten mit der Sezession und der Gründung des eigenständigen Südsudans 2011. Während dieser Wirren waren Perners Kenntnisse und Kontakte wiederum gefragt: Im Auftrag des Schweizer Aussenministeriums agierte er zwischen 2002 und 2008 als Berater für die Friedensbildung im Südsudan. 2011 verlieh ihm der erste Präsident Salva Kiir für seine wissenschaftlichen und humanitären Verdienste die Ehrenbürgerschaft. Perner hatte den Politiker Mitte der 1970er-Jahre kennengelernt, als er Sicherheitschef in der Provinzhauptstadt Malakal war. 

Keine Lust auf Ferien 

Es sind einzigartige Erlebnisse, auf die der 78-Jährige zurückblicken kann, doch wenn man ihn fragt, wie es zu diesen aussergewöhnlichen ethnologischen Studien kam, sagt er schlicht «Zufall». Das ist mindestens eine krasse Untertreibung, denn sein Drang, seinen Wünschen nachzugehen, und der Wille, beharrlich die eigenen Ziele zu verfolgen, ziehen sich wie ein roter Faden durch Perners Lebensgeschichte. So widersetzte er sich schon als junger Erwachsener familiären Ansprüchen und führte das angestammte Malergeschäft der Eltern in Davos nicht weiter, sondern verreiste nach der Matura nach Südfrankreich, wo sein Freund André Roch mit ihm einen Kletterfilm drehte. Seine Studien zu französischer, skandinavischer und vergleichender Literatur absolvierte der Globetrotter in Frankreich, Schweden und Zürich. Die Promotion in vergleichender Literaturwissenschaft über den schwedischen Dichter Gunnar Ekelöf legte er bei Paul de Man ab, einer Koryphäe auf dem Gebiet, der damals an der Universität Zürich lehrte. 

Schon bei seiner ersten Stelle zeigte sich seine innere Unruhe und Sehnsucht nach Weite und Fremde. Nach der Promotion liess sich Conradin Perner an der belgischen «Freien Universität» in Kisangani im Kongo anwerben. Auf Empfehlung seines Doktorvaters wurde er 1969 mit 26 Jahren Professor für französische Literatur in einem Land im Zentrum Afrikas, das wenige Jahre zuvor seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Belgien errungen hatte und später von Mobutu in Zaire umbenannt werden sollte. Mit einer Mischung aus Naivität und Pioniergeist stürzte er sich in dieses erste Abenteuer, verliess Familie und Freunde, um im denkbar fremdesten Ort im tropisch-heissen Afrika zu arbeiten. Doch das Engagement wurde zunehmend zum Gefängnis. Mobutu regierte mit eiserner Faust, die politischen Spannungen ergriffen auch die Universität, wo rebellische Studenten verhaftet wurden. Statt freiem Campus-Leben mussten sich die Studierenden vor Spitzeln in Acht nehmen, den ausländischen Professorinnen und Professoren wurde Hausarrest befohlen. Von den Einheimischen isoliert, fühlte sich Perner zunehmend frustriert und kündigte ein Jahr später, als die Universität reorganisiert und seine Fakultät nach Lubumbashi umgesiedelt wurde. 

Zurück in der Schweiz, nach einer Autoreise vom Kongo nach Davos, suchte Perner eine neue Aufgabe. Parallel zu den Bewerbungen an Universitäten in Asien und Südamerika bemühte er sich um ein Engagement als Delegierter des IKRK. Als ihm 1972 ein humanitärer Einsatz in Bangladesch angeboten wurde, sagte er zu. Die Aussicht, Menschen in Not zu helfen, reizte ihn mehr als der akademische Lehrbetrieb. Rückblickend erscheint das dreijährige IKRK-Engagement inmitten von Kriegs- und Notstandsgebieten in Asien wie ein Trainingslager für die späteren strapaziösen Feldarbeiten bei den Anyuaks im Südsudan. 

Conradin Perner heute im Arbeitszimmer seines Hauses der 55 Speere in Davos. Bild: Klaus Powroznik

Einsamkeit aushalten 

Sowohl bei der ethnologischen wie der humanitären Arbeit sei physische und mentale Stärke gefordert, die Fähigkeit, mit neuartigen und ungewöhnlichen Situationen umzugehen und Einsamkeit auszuhalten. Vor allem, betont der Globetrotter, brauche es in beiden Bereichen hohe Anpassungsfähigkeit und das Vermögen, positive Beziehungen mit der lokalen Bevölkerung aufzubauen. Nach seinen Studien im Sudan arbeitete er hauptsächlich als Delegierter für das IKRK in Asien, zwischenzeitlich als Gastprofessor an der Universität Nanterre und La Sorbonne in Paris. Parallel dazu publizierte er die Monografie über die Anyuaks. 

«Ich war ein Leben lang unterwegs, aber die Lust, irgendwohin zu reisen und Ferien zu machen, blieb mir fremd», sagt Conradin Perner beim Besuch in Davos. Sein Drang nach Ferne habe sich nicht gelegt, meint er, aber gesundheitliche Gründe zwingen ihn jetzt dazu, kürzerzutreten. Vergangenes Jahr reiste er ein wohl letztes Mal in den Südsudan, um die Veränderungen im Leben der Anyuaks zu dokumentieren. 

Nach seinem abenteuerlichen Leben bleibt er nun in seinem Geburtsort in Davos und schreibt über seine Zeit als Forscher und IKRK-Delegierter. Der hagere, gross gewachsene Mann ist im Bergort gut bekannt. Meist trägt er einen unförmigen Filzhut und zieht an einer Tabakpfeife. Im Garten hat er sich einen Anbau im Stil kirgisischer Teehäuser eingerichtet. Nun sind es die Freunde aus allen Weltgegenden, die im Haus der 55 Speere anklopfen und mit Kwacakworo Erinnerungen austauschen. 

 

Text: Stefan Stöcklin, UZH-Kommunikation
Bilder: Conradin Perner, Völkerkundemuseum der UZH

Dieser Beitrag ist zuerst im UZH-Magazin erschienen.


 

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