Um in der Forschung international auch künftig Spitzenpositionen einzunehmen, legt die UZH Universitäre Forschungsschwerpunkte (UFSP) fest. Ziele sind die Stärkung und Vernetzung von exzellenten Wissenschaftsfeldern und die Förderung von qualifizierten Nachwuchskräften, insbesondere in gesellschaftlich relevanten Bereichen. Theologie-Professor Thomas Schlag stellt den neuen Universitären Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)» vor.

Der UFSP «Digital Religion(s). Communication, Interaction and Transformation in the Digital Society» untersucht, in welcher Weise die Religionspraxis von Individuen und Institutionen durch die aktuellen Digitalisierungsdynamiken beeinflusst, geprägt und verändert wird. Die Themen und Inhalte unserer interdisziplinären Forschung sind u.a., wie sich unter virtuellen Bedingungen religiöse Identität bildet, sich gemeinschaftliche Online-Offline-Netzwerke entwickeln, aber auch welche neuen digitalen Formen des Trauerns, der Seelsorge und religionsbezogener Bildung gegenwärtig entstehen. 

Ebenso erforschen wir, inwieweit diese sich rasant ändernden Kommunikationsbedingungen unter den aktuellen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen der Digitalisierung auch die «klassischen», etablierten Autoritätsansprüche, Führungslogiken sowie die Reputation religiöser Organisationen in ein neues Licht rücken. 

Die Bezeichnung «Digital Religion(s)» signalisiert, dass das Feld des Religiösen der Sache nach denkbar weit ist. Deshalb kommt im UFSP zum einen die Pluralität unterschiedlichster religiöser Traditionen und Institutionen in den Blick, zum anderen sind auch religiöse Praktiken und Gemeinschaftsbildungen ausserhalb festgefügter Religionsformationen Gegenstand unserer Forschung.

In interdisziplinärer Ausrichtung – das heisst durch Theologie, Religionswissenschaft, Linguistik und Computerlinguistik, Soziologie, Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie Rechtswissenschaft – erforscht der UFSP, wie individuelle und institutionelle religiöse Akteurinnen und Akteure in hybriden Online-Offline-Formaten kommunizieren und wie sie ihren öffentlichen Anspruch auf Orientierung in Fragen von Identitätsbildung, Gesundheit, Seelsorge und interreligiöser Bildung geltend machen.

Der UFSP bearbeitet darüber hinaus rechtliche und ethische Fragen des Transhumanismus und der künstlichen Intelligenz in der Perspektive der Menschenrechte, religiöser Werte und Deutungen des menschlichen Lebens in ihrer existenziellen Bedeutung für jede einzelne Person und in ihrer Relevanz für das Zusammenleben in der digitalen Gesellschaft.

www.digitalreligions.uzh.ch
 


Drei Fragen an Prof. Dr. Thomas Schlag 

Die Corona-Pandemie löste einen digitalen Schub bei den Schweizer Kirchen aus. Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Tatsächlich gab es viele, mich durchaus überraschende innovative Aufbrüche zu einer digitalen Praxis, vor allem im Bereich der Gottesdienstformen, der Seelsorge und Bildung. Ich hoffe, dass sich vor allem solche Formate dauerhaft etablieren. Mit diesen können Menschen erreicht werden, die die konventionellen Angebote nicht nutzen wollen oder können. 

Ist die Digitalisierung eine Chance für die Religion, ein jüngeres Publikum zu erreichen?

Im Prinzip ja, wenn sich die Religionen darauf einlassen, jüngere Menschen nicht als passive Empfängerinnen und Empfänger zu verstehen, sondern sie mit ihren Kompetenzen und ihren kreativen Ideen im Umgang mit den sozialen Medien wirklich verantwortlich zu beteiligen.

Wo liegt für Sie das grösste Potenzial?

Die digitalen Medien eröffnen für die religiöse Gemeinschaft im wahrsten Sinn des Wortes grenzenlose Möglichkeiten der Begegnung «in Echtzeit». Dass man zu einem «Zustand davor» zurückkehrt, halte ich deshalb weder für wünschenswert noch für sinnvoll.
 


Anna-Julia Lingg, UZH Alumni

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