Puls messen, Schritte zählen, Schlafdaten aufzeichnen: Gesundheits-Apps liefern rund um die Uhr medizinische Informationen, die in der Diagnostik und Behandlung angewendet werden können. Jetzt geht es darum, die digitale Transformation der Gesundheitsversorgung aktiv zu gestalten, erklärt Claudia Witt, Professorin für komplementäre und integrative Medizin.



Welche Rolle spielen Gesundheits-Apps in der Medizin heute?

Die Medizin wird immer digitaler und die Pandemie hat dies noch verstärkt. Ein grosser und schnell wachsender Bereich in der Medizin sind mobile Gesundheitsanwendungen. Dazu gehören die Gesundheits-Apps. Sie kommen in verschiedenen Bereichen zur Anwendung, bei der Diagnostik, der Behandlung oder dem Monitoring von Symptomen oder bei der Kommunikation mit dem Behandlungsteam.

Kann «Mobile Health» das Gesundheitswesen verändern? 

Das ist schon der Fall. Die Pandemie hat hier sehr gepusht. Wir konnten es selbst ausprobieren: Im März 2020 haben wir unsere Poliklinik für komplementäre und integrative Medizin am USZ innerhalb von zwei Wochen auf digitale Konsultationen umgestellt. Und das nicht nur für Gespräche, sondern auch für praktische Instruktionen. Dafür mussten wir auch neue Formate erstellen wie z.B. Videos und E-Learning-Module. Aus meiner Sicht ist es wichtig, aus solchen Situationen zu lernen und sich ständig weiterzuentwickeln. Deshalb haben wir dies auch wissenschaftlich evaluiert. Das Format der medizinischen Versorgung wurde von beiden Seiten – Patient*innen und Health Professionals – geschätzt. Spannenderweise wurde auch die therapeutische Beziehung positiv beurteilt.

Wie sieht für Sie die ideale digitale Medizin aus?

Es geht darum, die digitale Transformation des Gesundheitswesens und der Gesundheitsversorgung zu gestalten – und das auf eine kluge Art und Weise.
Für mich sieht das so aus: Es besteht eine Flexibilität, was den Ort der Diagnostik und Therapie betrifft, und trotzdem sind die richtigen Daten zur richtigen Zeit verfügbar. Zudem ist die Sicherheit und Qualität der Daten gegeben und es ist transparent nachvollziehbar, wer die Daten besitzt. Die zukünftige medizinische Versorgung ist integrativ – ein guter Hybrid zwischen digitalen Möglichkeiten und dem direkten Kontakt mit den behandelnden Health Professionals. Die Personalisierung der Behandlung findet auf beiden Ebenen statt: durch moderne Methoden der künstlichen Intelligenz und durch eine empathische therapeutische Behandlungsbeziehung von Mensch zu Mensch. Für mich ist wichtig, dass der Faktor Mensch bleibt und gut integriert ist.

Welches sind die grössten Herausforderungen eines digitalen Gesundheitswesens?

Aus meiner Sicht gibt es drei: erstens die Interoperabilität, also das Zusammenspiel der verschiedenen Apps, so dass Daten auch sinnvoll zusammengeführt werden können.  Zweitens müssen wir Barrieren in der digitalen Gesundheitsversorgung identifizieren und diese überwinden, damit möglichst viele Bürgerinnen und Bürger von diesen Entwicklungen profitieren können und nicht nur diejenigen, die bereits über eine gute digitale Kompetenz verfügen. Und drittens müssen die digitalen Tools in der Behandlungsinteraktion gut integriert werden, so dass sie gut ergänzen und nicht stören. 

Welche Bedeutung hat der interdisziplinäre Austausch mit Forschenden, wie er etwa im Rahmen der Digital Society Initiative (DSI) an der UZH geschieht? 

Ein interdisziplinäres Team ist essenziell für innovative und nachhaltige Forschung. Wissen und Skills sind in den verschiedenen Disziplinen sehr unterschiedlich und die Betrachtung eines Themas aus verschiedenen Blickwinkeln ist wertvoll. Dafür muss man aber eine gemeinsame Basis haben und gut zusammenarbeiten können. Hier setzt das interdisziplinär ausgerichtete DSI PhD Excellence Program an. 


Claudia Witt ist Professorin an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich und Direktorin des Instituts für komplementäre und integrative Medizin des Universitätsspitals Zürich. Sie ist auch Co-Direktorin der Digital Society Initiative der UZH. 


Digital Society Initiative (DSI): Kompetenzzentrum an der UZH zum digitalen Wandel
Eine von allen Fakultäten der UZH getragene und allen Angehörigen der UZH offenstehende, wissenschaftliche Einrichtung. Sie soll die unabhängige wissenschaftliche Reflexion und Innovation zu Fragen der digitalen Gesellschaft fördern. Aktuell sind mehr als 400 Forschende in die DSI involviert.
www.dsi.uzh.ch


Interview: Anna-Julia Lingg
Bild: Frank Brüderli

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